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  Theorie und Ideologie - Platonismus

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Torrini Maurizio, Platonismus, in:
M. Blay/R. Halleux, La science classique, Paris 1998, S. 641 - 651

im Vorwort zu seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium caelestium" von 1543, Papst Paul III gewidmet, gibt Kopernikus ziemlich genaue Angaben über das Erbe, das die Gründer der modernen Wissenschaft von den Alten übernommen haben. Im Namen der Wahrheit, auf deren Suche er seit Jahren ist, hat der Weise aus Polen sich schließlich entschlossen, sein Werk zu publizieren, das ihn berühmt machen wird.

Der Mangel an Harmonie und Symmetrie im üblichen Bild von der Welt - er vergleicht es mit einem Gebäude, das mit Bruchstücken von anderen Gebäuden errichtet worden ist - hat ihn zur Entwicklung einer neuen Konfiguration geführt. Dazu hatte er - worauf Kopernikus selbst hinweist - begonnen, die Bücher aller Philosophen zusammenzutragen, um zu sehen, ob sich dort andere Meinungen über die Bewegungen der himmlischen Sphären finden lassen, die sich von jenen unterscheiden, die man als konform mit den beobachteten Phänomenen betrachtet.
Dabei hat er einiges gefunden. Bei Cicero und Plutarch las er, dass Nicétas von Syrakus, Philolaos, (Pythagoräer), Heraclides und noch andere der Ansicht gewesen sind, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Warum sich also nicht von ihnen inspirieren lassen und versuchen, ausgehend von einer bestimmten Bewegung der Erde, eine bessere Erklärung für die Bewegung der anderen Himmelskörper zu suchen? „Dass sich die Erde bewegt, schreibt Kopernikus, ja dass es sogar mehrere Bewegungen sind und dass sie einer der Sterne ist, dies sind, so sagt man, die Ansichten des Philolaos, einem so außergewöhnlichen Mathematiker, dass auch Plato sich, wie seine Biographen berichten, nach Italien aufmachte um ihn zu sehen". Wie sein Meister Plato, so machte auch Kopernikus eine Reise, die jedoch nicht im Raum, sondern in der Zeit stattfand.

So begann also der grundlegende Text der wissenschaftlichen Revolution mit einer Reflexion über die Alten und der Rückkehr zu Autoren und Texten, welche die aristotelische Tradition und die Scholastik vergessen bzw. unterdrückt hatte. Sie begann also mit einem zentralem Thema der Renaissance: zurück zu den alten Philosophen. Im Gegensatz zu dem, was oft behauptet wird, führt diese Kehrtwendung keineswegs zur Vorherrschaft von Gelehrsamkeit und Philologie. Diese Wiederaufnahme des Denkens der Alten sollte das philosophische und wissenschaftliche Denken erst allmählich, im Sinne eines Kumulationseffektes, nachhaltig beeinflussen. Doch setzte die Rückkehr zu den Alten bereits eine andere Auffassung vom Menschen und seiner Rolle in der Welt und der Gesellschaft voraus. Die Zurückwendung beeinflusste nicht nur das Denken, sondern auch das Tun des Menschen in Malerei, Architektur, Politik, Religion, Wissenschaft. Diese Zurückwendung machte es erst möglich, eine neue Wissenschaft zu konzipieren.
Kopernikus seinerseits stellte neue Fragen an die Alten, oder besser gesagt, eine neue Frage: Gibt es eine den natürlichen Dingen inhärente Wahrheit, in deren Namen es nötig ist, die Bewegungen der Himmelskörper zu berechnen?

Nur wenige Jahre vor dem Erscheinen von „De revolutionibus....." (1543) hatte in Kopernikus nahestehende junger Professor in Wittenberg, Georg Joachim von Lauchen, bekannt auch unter dem Namen Rheticus, eine Synthese des Textes des polnischen Astronomen erstellt, bekannt geworden als narratio prima (Erste Darstellung), die bei der intellektuellen Welt ganz Europas ein großes Echo fand. Kühner als sein Meister ging es Rheticus darum, die Methode und die Bedeutung dieses Werkes herauszustellen, bei dem sich Kopernikus auf den „göttlichen Plato" stützt, den Meister der Weisheit, indem er betonte, die „Astronomie sei unter der Anleitung Gottes entdeckt worden". Rheticus behauptete, Kopernikus „habe immer die diversen früheren und seine eigenen Beobachtungen gesammelt, diese dann wie in einem Katalog geordnet. Dann, als es darum ging, irgendwelche Schlüsse zu ziehen und sich bestimmten Theorien und Gesetzen zu nähern, ging er von den ältesten Beobachtungen zu seinen eigenen und prüft dann, durch welche Beziehungen alle diese Phänomene miteinander verbunden sind". Als verklausulierte Schlußfolgerung erklärte Rheticus, dass er dank dieser Arbeit den wirklichen Sinn der platonischen Lehre verstanden habe, dass nämlich „der Mathematiker, der die Bewegungen der Gestirne erforscht, einem Blinden gleicht, der einen langen gefährlichen Weg gehen muß, und nur mit Hilfe eines Stockes sich orientieren kann......; der Stock des Astronomen, das ist die Mathematik, die Geometrie, mit denen er zuerst den Weg abtastet, bevor er sich bewegt". Plato und die Mathematiker: im Bericht des Rhetikus wird klar, was die Rückkehr zu den Alten bedeutet.

Kopernikus und Rheticus, das ist die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Damals ging die astronomische Revolution - geführt von der Geometrie wie der Blinde durch seinen Stock - unter dem Vorzeichen Platons vor sich. Dieser ist ein unverrückbarer Bezugspunkt, wie immer man das Problem des Verhältnisses Platons zur modernen Wissenschaft sehen will. Unter einem streng historiographischen Gesichtpunkt ist darauf hinzuweisen, dass diesbezügliche Diskussionen oft eine ideologische Schlagseite haben und sehr kontrovers gewesen sind, bes. in der ersten Hälfte des 20ten Jhdts. In dem Moment, wie die Verbindung von wissenschaftlicher Revolution und modernem Denken klar geworden ist, mußte die Diskussion um den besonderen Charakter dieser Revolution, ihre Kontexte und Vorgangsweisen, auch gleichzeitig eine Diskussion über das moderne Denken sein. Es ist also kein Zufall, wenn Kant - Auslöser einer anderen kopernikanischen Revolution - im Vorwort zur 2. Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" darauf hingewiesen hat, dass er in der Einstellung Galileis und Torricellis den Beginn der modernen Philosophie sehe. Für Kant war klar, dass diese beiden begriffen hatten, „dass die Vernunft nur das sieht, was sie selbst hervorgebracht hat, nach ihrem eigenen Entwurf". Sie nähert sich der Natur „in der einen Hand die Prinzipien, nach denen, und nur diesen zufolge, übereinstimmende Phänomene den Charakter von Gesetzen haben können, und in der anderen die von der Vernunft imaginierte Erfahrung, ausgehend von den Prinzipien". Wenn man also für die Erklärung der modernen Wissenschaft an der Existenz platonischer Matrizen festhalten will, so bringt man einerseits zum Ausdruck, alle Suggestionen soziologischer Art (Wissenschaft und Alltagswissen (sensus communis) sind Produkte der Gesellschaft) zurückweisen zu wollen, und andererseits aber auch die Verbindungen mit der scholastischen und mittelalterlichen Tradition, d.h., mit Aristotelismus und Thomismus. Wenn an platonischen Einflüssen festgehalten wird, dann gilt es genau anzugeben, wann der Bruch in der philosophischen Tradition stattgefunden hat. Ebenfalls ist, ohne den Wert der Erfahrung, des technischen und künstlerischen Wissens zu negieren, der mentale, ideelle Charakter dieser Revolution herauszustellen, wie dies Kant getan hat, der die Prinzipien der Vernunft in die Hände gegeben sah. Diesbezüglich gibt es vom 19. Jhdt. bis zur Mitte des 20ten eine offene Diskussion, an der die wichtigsten Kenner der Philosophiegeschichte beteiligt haben, wie z.B. Duhem, Dilthey, Cassirer, Koyré, Brunschvicg...., um nur einige des wichtigsten zu nennen.
Es wäre sinnlos, bei Plato und den Platonikern explizite Verweise auf spätere Entwicklungen zu suchen. De facto hatte für die Protagonisten der wissenschaftlichen Revolution deren geschichtliche Darstellung eine ausgeprägt ideologische und philosophische Konnotation, die sich auch - in anderen Formen - bei den Historikern dieses Jhdts. in gleicher Weise wieder findet.

Für Kopernikus, für Kepler und Galilei bedeutete der Berufung auf Plato, sich vor allem als nicht-Aristoteliker, ja gelegentlich sogar als Antiaristoteliker auszuweisen. Dies war keine abstrakte Positionsbestimmung, sondern bezog sich auf genau benennbare Punkte, eng miteinander verbunden: auf die Verwendung der Mathematik in der Naturphilosophie, die Autonomie des wissenschaftlichen und philosophischen Wissens, die Abwertung der Sinneserfahrung zur Erkenntnis der physischen Welt. Anleitend zur Erkenntnis der natürlichen Welt sollte die Geometrie sein - in der Art eines Stockes bei Kopernikus, eines Alphabets bei Galilei - was auch implizierte, dass die Übereinstimmung sinnlich gegebener Tatsachen keine Grundlage für wahre Erkenntnis sein konnte. Darin besteht die Revolution, die sich im 16. Jhdt. ereignet hat, damals, als der Umfang des Wissens in Europa sprunghaft zugenommen hat (Entdeckungen anderer Länder etc.). Außerdem hatte im 16. Jhdt. der Humanismus seinen Höhepunkt, unterstützt durch Wiederentdeckung vieler alter Kommentare und die rasche Verbreitung durch den Buchdruck. Dies bedeutete für die aristotelisch-thomistische Konzeption, die von einem unveränderlichen und vollkommenen, nur noch interpretierbaren Wissen ausging, eine ungeheure Abwertung. Vor allem Aristoteles schien hoffnungslos überaltet: neue geographische und historische Kenntnisse, Flora und Fauna der neuen Kontinente, vernachlässigte und vergessene Autoren und Ideen. Auf der anderen Seite war es gerade diese Vielheit des neuen Wissens, das nicht mehr aristotelisch-enzyklopädisch zu bewältigen war und zur Suche nach der Methode und den Prinzipien, wie damit umzugehen sei, führte.

So wurde plötzlich nicht nur die Sinneserfahrung als verlässlicher Zeuge in Frage gestellt, sondern man begann, in ihr das Haupthindernis für eine neue Wissenschaft zu sehen. Ferngläser und Mikroskope trugen dazu bei, die Sinne zu relativieren. Giordano Bruno und Galilei waren zumindest in einem Punkt gleicher Meinung: Verehrung für Kopernikus für sein Festhalten an der Bewegung der Erde, gegen alle Evidenz der Sinne. Galilei: „Ich kann meine Bewunderung für die Art kaum zurückhalten, wie die Vernunft den Sinnen Gewalt antut bei Aristarchos und Kopernikus, bis zur Vernichtung des Glaubens an die Sinne .....".
Derartige Bemerkungen sind aufschlussreicher als die großen akademischen Diskussionen, die im 16. Jhdt. über das aristotelisch-platonische Verhältnis geführt worden und als Symptome einer tiefgehenden Krise zu werten sind. Es mußte ein neuer Weg gesucht werden, evtl. auch unter Berücksichtigung der Geometrie, doch die Hindernisse schienen unüberwindbar. Wie kann man die vielen vergänglichen Dinge, die entstehen und vergehen, mit den Mitteln einer Disziplin behandeln, die sich mit dem Bleibenden befasst, dem Vollkommenen, das den Wandel nicht kennt?
Aristoteles ist diesbezüglich klar: die Mathematik ist lediglich ein Hilfsmittel, völlig ungeeignet zur Interpretation materieller Phänomene. Damit sagt Aristoteles aber auch gleichzeitig: eine Wissenschaft der Phänomene ohne Rekurs auf etwas, das sie übersteigt, ist nicht möglich: also eine Metaphysik.

So entsteht ein Dilemma: es ist zu wählen zwischen einer Interpretation der Natur, beschränkt auf die Beschreibung eines Chaos nicht aufeinander zurückführbarer Phänomene und der Suche nach Modellen, Archetypen, auf die sich alles, was geschieht, zurückführen läßt. Bereits um die Mitte des 16. Jdts. scheint sich der Streit um Aristoteles - Plato auf diesen Punkt zuzuspitzen, also es ging schon damals um den Wert und die Rolle der Mathematik bei der Erforschung der physischen Realität. Zunehmend aktuell dann in den ersten Jahrzehnten des 17. Jhdts.
Galilei: „Überprüft selbst, welcher der beiden sich mit größerer Berechtigung artikuliert, ob Plato, wenn er behauptet, dass man ohne Mathematik die Philosophie nicht erlernen kann, oder ob Aristoteles, wenn er den gleichen Plato beschuldigt, zu viel Geometrie studieren zu wollen".
Die Lösung dieses Dilemmas implizierte aber eine weitere Schwierigkeit, deren Konsequenzen auf der Entwicklung einer neuen Wissenschaft wie eine schwere Bürde lastete. Es ging darum, die Rolle und die Attribute eines autonomen Wissens zu definieren, das nur dem Kriterium der eigenen internen Kohärenz verpflichtet sein sollte. Oder anders formuliert, wenn sich die Geometrie nicht mehr nur auf abstrakte Einheiten beziehen sollte, jenseits aller materiellen Gegebenheiten, wem kam dann die Befugnis zu, die Welt zu interpretieren, dem Mathematiker, dem Physiker, oder dem Theologen oder dem traditionellen Philosophen? Diese Konsequenz war schon dem Theologen Andreas Osiander klar gewesen, der im Vorwort zu Kopernikus' „De revolutionibus ....." einen diesbezüglichen - lange Kopernikus selbst zugeschriebenen - Hinweis machte: es sei gefährlich, die Wahrheit und die Sicherheit in den Dingen des Himmels zu suchen. Dem Astronomen ging es darum, die einfachsten Lösungen zu suchen, ohne sich über ihre Wahrscheinlichkeit den Kopf zu zerbrechen, über die allein der Naturphilosoph zu befinden hatte. Denn die Wahrheit konnte nur direkt von Gott kommen, vermittelt durch seine Interpreten, d.h. die Theologen und die metaphysischen Philosophen.

Der Geometrie einen reellen Charakter zuzuschreiben war also gleichbedeutend mit einer Preisgabe aller Verbindungen mit einer Auffassung, welche die natürliche Welt als inferior und kontingent betrachtet und sie der Welt der Philosophie, für höher und notwendig gehalten, unterordnete. Damit wurden nicht nur die Hierarchien zwischen den Disziplinen und ihrer Interpreten umgestürtzt. Damit fixiert man auch die Autonomie der natürlichen Welt, ihre ontologische Legitimität, von der menschlichen Vernunft, den damit gegebenen religiösen und moralischen Zielsetzungen völlig unabhängig. Dies führte zu einer im Verhältnis zu unseren Begierden stummen und sprachlosen Welt, wie Galilei sagte, gebunden an die ihr auferlegten Gesetze, unbekümmert darum, ob sich ihre verborgenen Gründe den Fähigkeiten der Menschen erschließen. Dieser stummen und sprachlosen Natur schlug dann Descartes alles Lebendige zu, das nicht mit Vernunft ausgestattet war. Damit fixierte er die Trennung, aber auch die Autonomie.

Um diese Revolution durchzusetzen war es nötig, sich von den Diskussionen der Akademien und Universitäten zu distanzieren, ebenfalls von den Polemiken zwischen Platonikern und Aristoteliker sowie von jenen, welche eine Übereinstimmung zwischen diesen beiden Schulen vertraten. Denn alle diese Diskussionen blieben schließlich bei den Schwierigkeiten stecken, die sich aus der Anwendung der Geometrie auf die Physik ergaben, ohne damit gleichzeitig eine radikale Änderung der Mentalitäten zu verbinden. Denn die Revolution plazierte eine bisher für subaltern gehaltene Wissenschaft neu, indem sie die Vernunft der Astronomie für wahr und wirklich hielt, um dann anschließend die Paradoxa der irdischen Physik und des Alltagswissens (sensus communis) für vorübergehend und belanglos zu erklären.

Durch die Umkehrung der Ausgangspositionen und die Vernachlässigung des Problems, ob und wie die natürliche Welt der Geometrie unterworfen werden kann, sieht Kopernikus in den himmlischen Körpern völlig geometrische Körper, und es ist Sache des Beobachters, für die Anomalien, die sich daraus ergeben, eine Erklärung zu finden. Diese Vorgangsweise fand Bewunderung bei Bruno und begeisterte auch Galilei. Es lag also am Philosphen aus der Toskana, die kopernikanische Intuition auf die irdischen Körper zu übertragen, auf die Phänomene unserer Erfahrung, indem er sie in geometrische Körper transformierte, die sich in einem indifferenten Raum bewegen, wie dies eben der Raum der Geometrie ist. So findet sich die Welt der Natur, bis dahin unbestrittenerweise ein Reich der vergänglichen Phänomene, als ein Chaos von Qualitäten und Verhaltensweisen, transformiert in ein Reich homogener Quantitäten, von reduzierbaren Aggregaten: eine Welt, in der es "keinen Platz für wahrscheinliche Ursachen gibt, derart, dass alle Aussagen, die wir diesbezüglich machen, entweder hervorragend bzw. völlig wahr oder aber schlecht und völlig falsch sind", so Galilei. Die Wahrheit der natürlichen Dinge findet sich, bevor sie in der realen Existenz dieser Dinge etabliert wird, in der Kohärenz der vorgestellten geometrischen Bedingungen, die nur sein können wie sie sind und keinesfalls anders." Dass die spiralförmige Kurve (so wieder Galilei) in der Natur nicht dem wirklichen Weg eines beweglichen Dinges folgt, dies präjudiziert in keiner Weise die Gültigkeit der Demonstration des Archimedes". Und Kepler, 1610 in einem Brief an Galilei, lobt „jene in ähnlichen Bereichen der Wissenschaft, welche der Vernunft den Vorrag vor den Sinnen geben...., jene, die so genial sind, dass sie die Gründe der Dinge begreifen bevor sich diese selbst ihren Sinnen zeigen". Derartige Geister sind nach Kepler ähnlich wie Gott, der Architekt dieser Welt, wie es Pythagoras, Plato und Euklid gewesen sind; diese konnten gar nicht anders, nachdem Gott das Universum nach dem Modell der fünf regelmäßigen Festkörper eingerichtet hatte.

Mathematik, Geometrie und Physik sind so zu einem einheitlichen Wissen und einer einzigen Wahrheit geworden. Galilei zufolge schließt für die Aristoteliker der physische Umgang mit den Dingen die Mathematik aus, Geometer befassen sich mit Bizarrerien, und haben philosophische Wahrheiten nichts mit mathematischen Wahrheiten zu tun, „als ob es unmöglich wäre, gleichzeitig Geometer und Philosoph zu sein" (Galilei). Gerade deswegen, um die Konstitution des Universums zu erforschen, hatte Kopernikus sich das Gewand eines Philosophen übergestreift. Gerade deswegen sind Aristarchos, Pythagoras, Archimedes und vor allem Plato Philosophen; darum ist für Galilei die Akzeptanz des Kopernikus ganz entscheidend. Damit verbindet er zum ersten mal Mathematik und Physik. Ohne diese Verbindung wäre Philosophie keine Wissenschaft, sondern lediglich eine Art Meinung.

Jeder, der sich von den sterilen Diskussionen der Aristoteliker über die Bewegung, das Schwere, den Raum, die Qualitäten löst, wird zum Philosophen, ebenso jeder, der frei die Dinge erforscht, frei von allen Verpflichtungen, „um als freier Mensch zu philosophieren, und nicht nach einer philosophischen Grammatik oder einer grammatikalischen Philosophie", wie Sagredo es im Dialogo über die beiden großen Systeme der Welt formuliert. Man wird also, „um das schöne und immense Buch der Natur zu lesen, ....befreit sein von den Sophistikationen jener, welche diese unglückliche Wissenschaft in den unwürdigen aristotelischen Traditionen eingesperrt haben."

Ende des 17. Jhdts, formuliert Francesco D'Andrea, ein Iurist aus Neapel dies folgendermaßen: „Das Verdienst, die Naturwissenschaft eingerichtet zu haben, d.h. die wirkliche Philosophie, ist unserem Jahrhundert vorbehalten geblieben, insbesondere dem großen Galilei. Er ist es, der als erster die alte platonische Schule wieder erneuert hat, um die Mathematik in den Dienst der Erforschung der physischen Dinge zu stellen".
Am Ende dieses Beitrages finden sich noch einige weitere Zeugnisse von Schülern Galileis, die hier jedoch nicht mehr angeführt werden. (übersetzte Kurzfassung, O.N)