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Die gnostische Erbmasse des Bildungsbegriffes

Die gnostische Erbmasse des Bildungsbegriffes

Otto Nigsch (1997/4)

1. Der Pyrrhussieg der Bildungsinstitutionen

1.1 Quantitative Expansion

Schulen gibt es zwar schon lange, nicht aber als Pflichtschulen für alle. Letztere sind als Nebenprodukt der Industrialisierung zu betrachten, das in einigen Ländern früher, in anderen erst mit einiger Verspätung in Erscheinung getreten ist. Fabriken und Schulen für das Volk sind also in etwa zu gleichen Zeit entstanden. Sie sind Ausdruck des Willens, die technischen Möglichkeiten industriellen Produzierens zu nützen und gleichzeitig die sozialen Voraussetzungen, die dafür notwendig sind, durch Adaptierung der humanen Potentiale zu schaffen.

Mit der Einführung der Schulpflicht für alle war nur ein erster Schritt gesetzt, dem viele weitere im Sinne einer Institutionalisierung formeller Lernprozesse folgen sollten. Denn bald schon stellte sich heraus, daß eine flächendeckende Elementarbildung im Kindesalter unzureichend war. Daher kam es schon im vorigen Jahrhundert zum schrittweisen Ausbau des Primärbereiches für besondere Ansprüche. In der Schulverfassung für die kaiserlich-königlichen deutschen Erbstaaten von 1833 wird festgelegt, "die künftig bestehenden oder zu errichtenden Lehrveranstaltungen sollten von einer dreifachen Art sein: Trivial-, Haupt- und Realschulen"(1)

. Ebenfalls schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kam es zu den ersten Initiativen, auch Erwachsene (in den Arbeiterbildungsvereinen) in weiterführende Bildungsprozesse zu involvieren. Im 20. Jahrhundert setzte sich die Erweiterung und Differenzierung der Bildungseinrichtungen weiter fort. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten eine offensichtliche Beschleunigung dieses Prozesses mit sich: Erhöhung der Pflichtschulzeiten, ein enormer Ausbau des sekundären Schulbereiches, womit die Berechtigungen zum Hochschulstudium in relativ kurzer Zeit in unerwarteter Weise vervielfacht wurden. Die rasch steigenden Raten des Überganges auf die Hochschulen veränderten dort in relativ kurzer Zeit die Bedingungen des Lehrens und Lernens, was begrifflich zur Charakterisierung der neuen Verhältnisse als "Massenuniversität" führte. Dieser Ausdruck signalisiert nicht nur Unerfreuliches, sondern auch Widersprüchliches: Profanisierung des Elitären, Nivellierung des Herausragenden, Verallgemeinerung dessen, was früher maßgeblich im Sinne der Distinktion funktionierte. Damit verbundenen Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten soll heute durch ein neues Fachhochschulsystem entgegengetreten werden: Zertifikate im Rang universitärer Wertigkeit, prinzipiell auf gleichem Niveau und doch etwas anders gelagert, was Möglichkeiten zur Relativierung des Prinzipiellen eröffnet.

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang die Expansion der Erwachsenenbildung bleiben. Zunächst haben internationale Organisationen wie UNESCO und UNO die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens, der "permanenten Erziehung" propagiert (Faure 1973, S. 205). Diese Aufforderung blieb weithin Desiderat, bis sich die Wirtschaft Anfang der 70er Jahre der Idee bemächtigte und in der Forcierung der Weiterbildung die Akzente neu zu setzen begann. In den Vorstellungen der Zukunftsplaner hört einerseits das Lernen nie mehr auf. Als gelernt wird andererseits nur anerkannt, was in kontrollierten Lernprozessen angeeignet und zertifikatsmäßig belegbar ist. Und so besteht gerade im Bereich der Weiterbildung eine große Lücke zwischen der Verkündigung dessen, was sein soll und dem, was tatsächlich der Fall ist. Der kontinuierlich steigende Einsatz von Ressourcen, sowohl von Geld als auch von Personal, ist insgesamt Indiz einer enormen Expansion institutionalisierter Bildung in den letzten zweihundert Jahren.



1.2 Qualitative Verdünnung

Zwischen dem Entstehen von industrialisierten modernen Gesellschaften und ihren Bildungssystemen bestehen demnach enge Zusammenhänge, die sich jedoch unterschiedlich interpretieren lassen. Einmal dahingehend, daß im Bildungssystem der Zulieferant von menschlichem Rohstoff" als Produktionsfaktor für die Industrie gesehen wird, daher "Bildungsvorgänge vorrangig als Produktionsprozesse von Arbeitsvermögen zu begreifen" sind (Becker/Jungblut 1972, S. 19). In diesem Fall verändert sich das Bildungssystem nach Maßgabe der Erfordernisse des Produktionssystems. Eine konträre Sichtweise bemißt die Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklung nach den Potentialen der Subjekte, deren Konstituierung Aufgabe des Bildungssystems ist. Auch eine solche Sichtweise ist nicht unplausibel. Gerade im Zusammenhang der Entwicklungsnotwendigkeiten der Länder der Dritten Welt wurde des öfteren darauf hingewiesen, daß ein ausgebautes Bildungssystem Voraussetzung der Etablierung demokratischer Verhältnisse und des wirtschaftlichen Aufschwungs sei.

Und dennoch ist schwer zu übersehen, daß die mit so viel Aufwand vorangetriebene Institutionalisierung allgemein verbindlicher Lernprozesse wohl zur Etablierung kostspieliger und aufwendiger Bildungsapparate geführt hat, diese in ihrer Funktionsweise jedoch hinter den Ansprüchen, seien sie in ihrem Inneren formuliert oder von außen herangetragen, weit zurückbleiben. Programmatisches und in diesen Apparaten gelebte Praxis klaffen offensichtlich weit auseinander. Zwischen den offiziell verkündeten Zielen und der Umsetzung durch die Adressaten tut sich ein breiter Graben auf. Idee und Realität haben nicht mehr viel miteinander zu tun, wenn Bildungsaneignung zu direkt oder indirekt ausgeübten Lernzwängen verkommt, die Bildungsziele für erreicht gehalten werden, wenn ein in bestimmtem Sinne Funktionieren-Können erreicht worden ist.



2. Fragwürdigkeit des Bildungsbegriffes

2.1. Mutation der Inhalte

Dieser Tatsache, daß die Aneignung von bestimmten Funktionsfähigkeiten den Rang von Sonderzielen erhalten hat, trägt die Kategorie der Ausbildung Rechnung. Aus-Bildung mag daher als Bildung mit einer besonderen Aus-Richtung, Orientierung auf einen besonderen Punkt hin verstanden werden. Diese besondere Bildung verzichtet bewußt auf das Allgemeine, das konstitiv gewesen ist für das mit Bildung Gemeinte. Ausbildung steht unter dem Vorzeichen der Zweckorientierung, dem beschränkten Einsatz der Mittel auf bestimmte Ziele hin, während Bildung eben das repräsentiert, was sich einer solchen Engführung entzieht. Bildung ist das überschüssig Unbestimmte, in die Zukunft hin Offene, daher auch der gesellschaftlichen Normalisierung und unmittelbaren Verwertung Entzogene.

Wie immer man den Prozeß der gesellschaftlichen Modernisierung deuten mag, ob als Prozeß fortschreitender Rationalisierung im Sinne Max Webers oder als Prozeß zweckgerichteter Differenzierung im funktionalistischen Sinne, in beiden Interpretationsweisen ist Bildung, wie sie zur Zeit der Aufklärung konzipiert worden ist, fehl am Platz. Denn Bildung ist aufgeklärtes Dasein oder will auf ein solches hinführen, läßt den Zustand des ehemaligen Vegetierens im Dunkel der Bewußtlosigkeit hinter sich. Doch gegenläufig zu den früheren Erwartungen hat der Aufbruch in die hellere Zukunft sich als Weg in neue Zonen der Verdunkelung erwiesen. Das Überschüssige der Bildung, ohnehin ursprünglich nur das Privileg einer kleinen Minderheit, erwies sich als inkompatibel mit der Etablierung des Zweck-Mittel-Denkens, mußte von diesem überlagert und dann marginalisiert werden.

Ebensowenig Raum läßt der Kontext zunehmender Differenzierung, der auf Entfaltung des Besonderen im Hinblick auf die Erhöhung der Funktionsfähigkeit des Ganzen angelegt ist, für die Thematisierung dieses Ganzen selbst. Mit der Perfektionierung des Details, das sich planen und steuern läßt, verliert das Ganze, das sich einer solchen Planung und Machbarkeit entzieht, seinen offenen Horizont. Der Prozeß der Modernisierung verengt sich, die offenen Horizonte fallen in sich zusammen, das Diktat der Sachzwänge führt zu einer Schließung der Prozesse der Modernisierung.

Dies macht auch verständlich, daß mehr und mehr das verschwinden mußte, was früher einmal mit Bildung gemeint gewesen ist. Nicht zu Unrecht hat es H. Schelsky (1975, S. 124) als parasitäre Sprachpolitik bezeichnet, wenn dennoch am Bildungsbegriff festgehalten wird, um am Prestige zu partizipieren, das früher mit Bildung verbunden gewesen war. Th. W. Adorno kreierte schon 1959 die einprägsame Formel von der "Halbbildung", als der herrschenden Form von Bildung im Sinne einer dem Zustand der Gesellschaft angemessenen Zurichtung der menschlichen Fähigkeiten. Die Auflösung des Zusammenhanges von Schule und Bildung wird ebenso wiederholt konstatiert wie die Verflüchtigung des Bildungsgedankens im Bereich der Erwachsenenbildung (Röhrig 1988). H. E. Tenorth sieht in gewissen Verwendungsweisen des Bildungsbegriffes eine Hypothek für Theorie und Praxis der Erziehung, da sich diese damit einer heterogenen und widersprüchlichen Denkweise verpflichtet, deren offensichtlich wirksame Wahrnehmung vor allem davon lebt, als Mittel in ideologischen Auseinandersetzungen verwendet werden zu können (Tenorth 1988, S. 248).

Seit den frühen 70er Jahren erfährt ein inhaltsleerer Bildungsbegriff in der Proklamation der Unabdingbarkeit von Weiterbildung eine neuer Konjunktur. Einmalige Anpassung genügt nicht mehr, die Zurichtung für die Erfordernisse des Systems wird damit in den Rang einer Daueraufgabe erhoben. Diese Leistung wird im Sinne einer Bringschuld von all jenen erwartet und eingefordert, denen an Partizipation am System gelegen ist und die um der damit verbundenen Gratifikationen wegen bereit sind, den dafür verlangten Preis zu bezahlen. Das geforderte Eintrittsgeld besteht in der Bereitschaft, dem System gegenüber nicht nur die Zweifel zu unterdrücken, sondern ihm auch in Optimismus zuzustimmen und alle Fähigkeiten in den Dienst, seines besseren Funktionierens zu stellen.

Der Ausdruck Bildungsinstitution konserviert und transportiert beharrlich das Wort Bildung", ein äußeres Symbol, wobei nur schwer ins Blickfeld gerät, daß auf der Ebene der symbolisierten Inhalte die Sache selbst betreffende wichtige Verschiebungen stattgefunden haben. Die Idee der Bildung, das vom Ausdruck ehemals Bedeutete, hat sich verflüchtigt (Assmann 1993, S. 109), an seine Stelle ist etwas anderes getreten, das nicht zuletzt deswegen so schwer greifbar ist, weil es eben mit dem Etikett der Bildung versehen ist.



2.2 Suche nach dem Abhandengekommenen

Auf der Linie der eben dargelegten Entwicklungen liegt es durchaus, wenn sich nun auch Marketing und Management der Bildung zu bemächtigen versuchen. Ersteres, das Marketing, ist bemüht, mittels Werbung Aufmerksamkeit und Wohlwollen für ein bestimmtes Produkt zu erzeugen, bedeutet also Einsatz von Ressourcen zugunsten einer eher sanften Durchsetzung auf dem Markt. Letzteres, das Management, ist das Geschäft des Umsetzens und des Durchsetzens, wobei die Wahl der eingesetzten Mittel je nach gerade vorherrschender Mode beliebig variierbar erscheint. In beiden Fällen handelt es sich um Techniken, die langfristig auf Marktpräsenz und Markteffizienz ausgerichtet sind, sei es durch Anpreisung vermeintlicher Vorteile, sei es durch Umsetzung bestimmter Sachverhalte, die jedoch auf mitunter fragwürdigen Wegen der Vereinfachung komplexer Realitäten erreicht werden.

Um Bildung marketing- und managementmäßig behandeln zu können, ist es unerläßlich, sie auf eine handhabbare Größe zu beschränken. Dies läßt sich umstandslos dadurch erreichen, daß stillschweigend ausbildungsrelevante Lernprozesse mit Bildung gleichgesetzt werden. Damit wird gleichsam unbemerkt ein Schlußstrich unter eine Diskussion gezogen, in der es vorwiegend darum gegangen ist, unzulängliche Praktiken der Gegenwart an einer erahnten besseren Möglichkeit der Zukunft zu messen. Diese Kapazität des Transzendierens auf Künftiges, erst zu Realisierendes, hat mit zunehmender Rationalisierung, wie schon erwähnt, an Kraft und Bedeutung verloren.

Doch täuscht sich, wer der Meinung anhängt, daß sich das Überschüssige konsequenzlos eliminieren lasse zugunsten der Perfektionierung des Funktionalen. Dafür gibt es bereits deutliche Anzeichen im Bereich der Schule. Es sind nämlich zwei verschiedene Dinge, den Schülern, der nachwachsenden Generation, etwas zuzumuten, und die bruchlose Annahme dessen, wass ihnen zugemutet wird, durch diese selbst. Zwei Phänomene lassen sich erwähnen, die auf mangelnde Akzeptanz hindeuten. Zunächst einmal die Beobachtung, daß in den letzten Jahren ein Wechsel von ehemals geschlossenen zu sogenannten offenen Lernformen eingesetzt hat. Nicht daß die Lehrerschaft und die sie dirigierende Schulbürokratie über Nacht fortschrittlich geworden wären in dem Sinne, daß endlich die Postulate der Reformpädagogiken verschiedenster Art als erwägenswert akzeptiert worden wären. Es ist vielmehr die Erfahrung, daß Schule im herkömmlichen Sinne immer schlechter funktioniert, die Schüler sich verweigern, und die Verweigerung in zunehmendem Maße in brutale Gewalt umzuschlagen beginnt. Um derartigem vorzubeugen, ist für Experimente aller Art Tür und Tor geöffnet worden, solange dies nicht den harten Kern des Verständnisses von Schule in Frage stellt.

Der Aufwertung von Montessori und Freinet, von Steiner und Waldorfpädagogik korrespondiert auch im Bereich der Erwachsenenbildung eine unübersehbare und starke Strömung zum Nicht-Funktionalen, eine starke Nachfrage nach dem, was jenseits des Rationalen angesiedelt oder ihm vorgelagert ist. In den Angeboten der etablierten Erwachsenenbildungsinstitutionen spiegelt sich eine Nachfrage von seiten des Publikums nach anderem: nach gesünderem Leben, Bioenergie, Techniken der Selbstheilung und meditativen Praktiken, um nur einiges zu nennen. In diesen Bereichen, oft als 'esoterische' Literatur abqualifiziert, macht heute auch der Buchhandel nahezu ein Drittel seines Umsatzes. Von vielen als unseriös belächelt, von anderen als gesellschaftsgefährdend diffamiert und abgelehnt, läßt sich darin doch eine Bewegung erkennen, die aus dem Bedürfnis lebt, nicht die gegenständlichen Außenwelten, sondern die eigene Innenwelt und deren Möglichkeiten der Veränderung zu thematisieren. Das in der Verkürzung der Bildung auf Ausbildung Ausgeschlossene drängt also in anderer Form wieder an die Oberfläche. Obwohl die Programme der Erwachsenenbildungseinrichtungen voll sind von solchen - in den Augen vieler abstrusen - Kursangeboten, wird deren Zusammenhang mit dem, was der Ausdruck Bildung symbolisiert, weitgehend übersehen.



3. Besinnung auf die Wurzeln

3.1 Ansprüche der Aufklärung

Als Kernstück des Denkens der Aufklärung über Bildung wird vielfach auf Kants (1968) Ermunterung aus dem Jahre 1784 hingewiesen, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszutreten. Gemessen an diesem Anspruch dient Ausbildung, die vorwiegend in Formen der Abrichtung erfolgt, der Perpetuierung von Unmündigkeit (vgl. Adorno 1969, S. 142). Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß unmittelbare fachliche Ausbildung ohne allgemeinen Orientierungshorizont angeboten wird, sind Appelle zur Mündigkeit fast so etwas wie eine Tarnung des allgemeinen in Unmündigkeit-Gehalten-Werdens. Unter den Bedingungen der Heteronomie, die das vergesellschaftete Leben mit sich bringt, verweist Mündigkeit auf etwas erst Herzustellendes, nicht auf Vorauszusetzendes. Daraus zieht Adorno den Schluß, daß "die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, daß die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und Widerstand ist" (Adorno 1969, S. 145).

Für Kant bemißt sich das Gelingen der Aufklärung daran, in welchem Ausmaß es möglich ist, einen heteronomen Gebrauch der Verstandeskräfte durch einen autonomen Umgang mit ihnen zu ersetzen. Die Gegenüberstellung von Unmündigkeit und Mündigkeit deutet sicher nicht auf ein Nebeneinander zweier miteinander unvereinbarer Zustände hin, sondern auf einen Entwicklungsprozeß, dessen Anfangs- und Endpunkte damit markiert sind. Etwas unerwartet ist der Hinweis auf die Selbstverschuldetheit der Unmündigkeit, denn er transportiert die Unterstellung, daß der Prozeß auch gleichzeitig einen Wechsel vom Zustand der Schuld in einen Zustand eigener Verdienstlichkeit impliziert. Jenseits dieser schwer entscheidbaren Frage von Schuld und Verdienst, aber nicht von ihr abtrennbar, rückt jedenfalls die Figur der Selbstverantwortlichkeit in den Vordergrund. Schuld lädt auf sich, wer keinen Mut aufbringt und sich aus Feigheit heraus nicht dazu entschließen kann, von seinem Verstand in der rechten Weise Gebrauch zu machen. Mit dem Wollen-Können verbundene Fragen werden nicht aufgeworfen, der Mensch zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf in die Zonen autonomen Entscheidens hinauf oder verharrt, weil er feig ist, in den Niederungen der Unmündigkeit.

Als Ausdruck für den Werdegang des einzelnen hat "Bildung" im Zusammenhang mit dem Individualitäts- und Entwicklungsbegriff Verwendung gefunden. Zurückzuführen ist ein solches Verständnis, das sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rasch durchzusetzen begonnen hat, vor allem auf J. G. Herder. Schrittweise kommt es dann zur Verselbständigung des Begriffes und gleichzeitig auch zu einer Bedeutungsverschiebung. An die Stelle einer Erziehung im Dienste des gesellschaftlichen Fortschritts, wie dies vor allem Campe propagiert hatte, rückt das Wachstum der Menschheit als historischer Prozeß in den Vordergrund. Dabei sah Herder offensichtlich im Werden des einzelnen und dem Wachstum der Menschheit als ganzer analoge Prozesse: Bildung war, so gesehen, nicht Resultat eines planmäßig ausgerichteten Tuns, sondern das Ergebnis des Wirkens von Natur und Geschichte.



3.2 Macht des Geheimnisses

Mit der "Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" Herders aus dem Jahre 1774 wird ein Thema angeschlagen, das im ausgehenden 18. Jahrhundert keineswegs nur als naive Phantasterei eines weltfremden protestantischen Theologen aus Riga anzusehen ist. Denn in den Überlegungen, die den höchsten und allgemeinsten Zwecken der Menschheit galten, wird eine weitere gesellschaftliche Formation sichtbar, die das Zeitalter der Aufklärung auf dem Kontinent entscheidend mitbestimmte: die Logen der Freimaurerei, neben der Welt der Gelehrten und Gebildeten, der "republic des letters". R. Kossellek (1976, S. 49) sieht darin zwei relativ unabhängige Organisationsformen des Bürgertums, zwischen denen, bei aller Verschiedenheit, es dennoch erstaunliche Gemeinsamkeiten und Parallelitäten gab. Kossellek führt dieses Gemeinsame darauf zurück, daß es sich um eine spezifische Antwort auf das System des Absolutismus gehandelt hat. Er zieht daraus den Schluß, daß Aufklärung und Geheimnis von Anbeginn an als ein geschichtliches Zwillingspaar aufgetreten sind.

Das Geheimnis war dazu da, die politische Kehrseite der Aufklärung zu verwischen. Lessing hält die Freimaurerei für ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. "Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen - wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprößling der Freimaurerei ist" (Lessing, subcit. Kosselek 1978, S. 47).(2)

Indem das Bürgertum eine soziale Form findet, die in ihrem eigentlichen Kern im Verborgenen bleiben soll, imitiert es nicht nur die Mysterien der Religionen und die Arkandisziplin der Staaten, sondern findet damit zudem eine Basis, nach einem selbstgeschaffenen Gesetz leben zu können.

Der Wunsch, sich selbst die Gesetze geben zu wollen, negiert die Autorität des Staates, allein dafür zuständig zu sein, solche zu erlassen. So etwas offen zu vertreten, ohne mit diesen staatlichen Instanzen in gefährliche Konflikte zu geraten, ist nur dann möglich, wenn es gelingt, sowohl den Staat als Autorität anzuerkennen wie auch gleichzeitig an der Forderung der Autonomie des einzelnen festzuhalten. Dem dient die Anwendung eines Kunstgriffes, der darin besteht, diesen einzelnen aufzuspalten in einen Teil, der dem Staat unterworfen ist, und in einen Teil, der dem staatlichen Zugriff entzogen ist, für den eben der einzelne selbst, und nur er allein, zuständig ist. Eine solche Spaltung des Menschen erfolgt in der Unterscheidung des Bürgers und Untertanen vom Menschen, des citoyen vom homme, einem äußeren Bereich in der Zuständigkeit des Staates und einem inneren Bereich, über den zu verfügen ausschließliche Angelegenheit der einzelnen selbst ist.

Ambivalent ist diese Spaltung insofern, als sie einerseits völlig plausibel, andererseits aber in höchstem Maße staatsgefährdend war. Die Plausibilität zeigt sich daran, daß selbst Friedrich der Große sich derartiger Kategorien bediente, um sich als Mensch und als König zu rechtfertigen: "Ich hoffe, daß die Nachwelt, für die ich schreibe, den Philosophen in mir vom Fürsten und den anständigen Menschen vom Politiker unterscheiden wird".(3)

Das Staatsgefährdende hingegen zeigt sich daran, daß über die Gesetze des Staates prinzipiell auf dem Forum der Urteilsfähigkeit des einzelnen entschieden werden konnte: "... noch immer gibt es Staaten, wo nicht die allgemeine Vernunft, sondern der sehr oft blödsinnige Verstand und der schwankende Wille eines einzigen ... Quelle des Gesetzes ist." (Wieland, subcit. Kossellek 1976, S. 80).

R. Kossellek (1976, S. 105) weist darauf hin, daß die damit gegebene Spannung zwischen Moral und Politik wohl zur Unterscheidung von Gesellschaft und Staat geführt hat, doch die politische Dimension dieser Trennung des Bürgers vom Menschen gar nicht erkannt worden ist. Somit konnte die unmittelbar politische Tragweite der Spaltung im Verborgenen bleiben. Zwar sind die geheimen Gesellschaften in der Verfolgung ihrer radikalen Repräsentanten heftig bekämpft worden, wie sich an der Auflösung des Illuminatenordens 1784 in Bayern zeigte. Dies ändert jedoch nichts daran, daß es ihnen gelungen ist, die politische Bedeutung einer Betonung des "Menschlichen" zu verschleiern. Kossellek (1976, S. 103) sieht den Grund dafür in der bürgerlichen Geschichtsphilosophie, die vom Tagesgeschehen ablenkte und in eine ferne Zukunft verwies.

Sofern nun die Bildungsidee in geschichtsphilosophischer Absicht propagiert wurde, partizipierte sie zweifellos ebenfalls an diesem Doppelcharakter von Aufklärung und Geheimnis, von offener Absicht und verborgenem Wollen. In der Beantwortung der Frage nach den Grenzen des Staates verlangt auch W. Humboldt(4)

die Gewährleistung einer möglichst weiten staatsfreien Sphäre für den einzelnen Menschen. Er steht damit theoretisch ebenso in dieser Traditionslinie der geheimen Gesellschaften wie er praktisch in ihre Aktivitäten, wenn auch nur am Rande, involviert gewesen ist. Bei Kant, der den Prozeß der Aufklärung einem Ende zugeführt hat (Kossellek 1976, S. 90), bleibt wohl der Appell an die Mündigkeit, doch verliert die verborgene Zielsetzung, die Negation der bestehenden Herrschaftsverhältnisse und der Widerspruch gegen ihre Repräsentanten, an Profil und Kraft. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als das Bürgertum sich gegen den Absolutismus durchzusetzen vermocht hat. Doch kommt dem Bildungsbegriff damit seine subversive Dimension abhanden, in der Betonung des Aufklärerischen und dem Vergessen des Geheimnisvollen wird er eindimensional. Je mehr das Bürgertum an die Schaltstellen der Macht gelangt, um so mehr muß ihm an einer Desinfizierung des Bildungsdenkens von allem politischen Beiwerk gelegen sein, ja werden wenige Jahre später Bildung und Erziehung in den Dienst der Erneuerung des zusammengebrochenen preußischen Staates gestellt. Als neuer Fixpunkt der Orientierung wird die Humanität der Antike bemüht, die gleichzeitig auch die Maßstäbe für die Bestimmung des dem Menschen Möglichen und ihn Verpflichtenden liefert.



4. Mittelalterliche Mystik als Renaissance der Gnosis

4.1 Bildung als Kategorie der deutschen Mystik

In seiner Darstellung der historischen Bezüge der Bildungskategorie verweist R. Vierhaus darauf (1976, S. 509), daß Bildung Ende des 18. Jahrhunderts ein Leit- und Zentralbegriff der intellektuellen Diskussion geworden war, also Gegenstand der Auseinandersetzung jener, die sich selbst den Gebildeten zurechneten. Umgangssprachliche Relevanz habe er nur nach und nach erhalten, einmal als Folge des Ausbaus der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, dann aber auch wegen der sozialen Auswirkungen, die mit dem Besuch dieser Einrichtungen im Hinblick auf den Erwerb von sozialem Status und Befugnis zu bestimmten Tätigkeiten verbunden waren. Rückblickend läßt sich dies als eine Entdifferenzierung eines Diskurses einordnen, in der nun allokative Aspekte die früheren geschichtsphilosophischen Höhenflüge in politischer Absicht in den Hintergrund drängten. In der neuen exoterischen Gestalt erweist sich Bildung vor allem als das Resultat von persönlicher Leistung und Anstrengung. Es ist der Frage nachzugehen, ob wirklich, wie R. Vierhaus (a. a. O.) behauptet, trotz Erweiterung der Anwendungsbereiche des Bildungsbegriffes, seine verschiedenen Bedeutungsakzentuierungen nie ganz verloren gegangen sind.

Die frühesten Ausdrücke von Bildung in der Bedeutung von "Bild", "Abbild", "Ebenbild", "Nachbildung", "Nachahmung" und "Gestaltung" erweisen sich als deutsche Übersetzungen der lateinischen Ausdrücke imago, imitatio, forma und formatio in der spätmittelalterlichen deutschen Mystik. Mit dieser sind besonders die drei Dominikaner Eckehardt (1260 - 1327), Tauler (1300 - 1361) und Seuse (1295 - 1366) gemeint, wobei die beiden letzteren als Schüler des erstgenannten anzusehen sind. Eckehardt schrieb lateinisch und predigte deutsch für jene, die des Lesens unkundig waren. Als Prediger fand er beachtlichen Widerhall bei seinen vielen Zuhörern. Da es damals nur wenige deutsche Ausdrücke für philosophische und theologische Konzepte gab, versuchte er, diese in die für alle verständliche Landessprache zu übertragen, trat also als Schöpfer zahlreicher neuer Worte in Erscheinung (Bonniwell 1974, S. 580).

Vom Hintergrund der beiden philosophisch-theologischen Hauptströmungen des 14. Jahrhunderts, dem Averroismus und dem Nominalismus, hebt sich die Mystik, insbesondere die rheinische, gleichsam als Gegenbewegung und Reaktion darauf ab. Im Averroismus, einem um neuplatonische Elemente erweiterten Aristotelismus, wird in Abrede gestellt, daß unser Intellekt (Geist) mit einer überindividuellen Quelle des Lichtes und der Erkenntnis verbunden ist (Faivre 1995, S. 116). In der Reduzierung des Intellectus auf ein Werkzeug der Verarbeitung der sinnlichen Erscheinungsbilder sahen zahlreiche christliche Denker eine unzulässige Rationalisierung, die letztlich einen Angriff auf die positiven Religionen bedeutete. Der Nominalismus hingegen leugnete die reale Existenz von Universalien, womit Realität auf das für die einzelnen Individuen sinnlich Erfahrbare beschränkt wurde. In dieser Sichtweise war es unzulässig, in den Gesetzen und Gegebenheiten der Sinnenwelt ein Ensemble analoger oder homologer Abbilder höherer, himmlischer oder göttlicher Welten zu erkennen (Faivre 1996, S 117). Damit kam es zum Bruch mit der Tradition, die einen Zusammenhang zwischen einem geistig strukturierten Universum und rein physischen Gesetzmäßigkeiten postulierte.

Eckehardt hingegen machte sich auf den Weg zu Gott ohne den Umweg über die Natur, wie es die Theosophen tun, da diese selbst von der Göttlichkeit durchwirkt ist. Eckehardt orientiert sich am fundamentalen Dreierschema des Neuplatonismus: Ursprüngliche Einheit des Seienden, Teilung (beziehungsweise Sündenfall) und Rückkehr zur Einheit. Ebenso finden sich bei Eckehardt insofern Bezugnahmen auf die Triaden des Proklus (412 - 485), als er über der Trinität, der natura naturata, die Gottheit oder natura non naturata stehen sieht. Mystische Erfahrung ist für ihn Rückkehr zur Gottheit beziehungsweise der nicht geoffenbarten Einheit. Dies gibt dem Menschen die Möglichkeit, mit Gott ganz eins zu werden und dennoch in der Welt zu bleiben, im Sinne einer Rückkehr zum Ursprung, der Adam und der Schöpfung selbst noch vorangeht. Der Seelengrund, "synteresis", ein Ausdruck, den Eckehardt von Augustinus, Albert dem Großen und seinem Zeitgenossen Dietrich von Freiberg (Faivre 1996, S. 119) übernimmt, ist der einzige und privilegierte Ort, an dem die Kreatur die verlorene Einheit wiederfindet. Erkenntnis ist dann auch nicht die Repräsentation der Dinge, die außerhalb von uns existieren, sondern vielmehr die Transmutation der bekannten Dinge und des Erkennenden selbst in der Rückkehr zu Gott. Im Gegensatz zu Thomas v. Aquin erklärt Eckehardt den Intellektus als dem Seienden übergeordnet, durchaus in Anlehnung an die johanneische Formel von der Priorität des Wortes, des logos(5)

.

Vor allem wegen seiner in Köln in deutscher Sprache gehaltenen Predigten wurde Eckehardt der Häresie angeklagt und fand sich 1327 mit Wilhelm von Ockham, desselben Deliktes bezichtigt, am päpstlichen Hofe in Avignon ein. Doch die jeweiligen Vorwürfe der Häresie bezogen sich auf zwei konträre Positionen, die beide als von der rechten Lehre abweichend gehalten wurden, weil sie im Endeffekt die kirchliche Autorität in Frage stellten: Im Falle Wilhelm v. Ockhams wegen der Negation höherer Welten und Erkenntnisweisen, was später zur Entwicklung der modernen Wissenschaften führte, im Falle Eckehardts wegen der These der unmittelbaren Gebundenheit alles Seins und Erkennens an Gott, der Etablierung einer ständigen Relation, in der der Mensch das Sein empfängt, bewahrt und vollendet.



4.2 Die Mystik in der Tradition der Gnosis

Eckehardts theoretische Position ist von seiner praktischen Absicht, sie durch die Übertragung in die allgemein verständlichen Umgangssprache auch unter das Volk zu bringen, nicht zu trennen. Denn er postuliert einen Zusammenhang der verschiedenen Ebenen des Seins, die Verbundenheit von Kreatur und Kreator. Außerhalb dieser Verbundenheit hält er es nicht für möglich, in den Kreaturen allein wahren Trost zu finden. Daher besteht die Nobilität des Menschen, sein Adel eben darin, das Bild Gottes in sich selbst nachzubilden. Dies führt zur Unterscheidung in einen inneren Menschen, der Gott ergeben sein darf, und einen äußeren Menschen, der dem Tode verfallen ist (Haas 1996, S. 318). Eng damit verbunden ist die Annahme, daß in den Worten der Schrift eine verborgene Wahrheit enthalten ist, die aufzudecken und aufzuzeigen ist, um dem inneren Wort eine äußere Gestalt zu geben.

Ähnliches Gedankengut findet sich jedoch schon im frühen Christentum, das an frühere Heilslehren anknüpfte, sie teilweise transformierte und übernommen hat, sich teils davon aber auch abgrenzte, was zur Fixierung der Dogmen, von kodifizierten Glaubenssätzen führte. A. Faivre (1996, S. 53) sieht in den Auseinandersetzungen zwischen dem 2. bis 4. Jahrhundert ein Nebeneinander von vier neuen und miteinander rivalisierenden Religionen: dem Hermetismus, dem Gnostizismus, dem Neo-Platonismus und dem Christianismus, wobei jedes der genannten Systeme mit den jeweils anderen drei durch wichtige Gemeinsamkeiten verbunden ist.

Der Hermetismus, der sich auf Hermes Trismegistos(6)

beruft, schöpft teils aus orientalischen, teils aus hellenistischen Quellen. Er vertritt mit der Betonung der Transzendenz des Vaters eine negative Theologie, womit gemeint ist, daß das Höchste letztlich nicht erkennbar ist und es daher bestimmter Praktiken bedarf, um mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten. Das gemeinsame Thema (Faivre 1996, S. 58) der verschiedenen Formen des Gnostizismus ist die Erlösung, die Befreiung vom Bösen. Diese setzt voraus die Vernichtung der Welt, in der der Mensch lebt, zumindest aber die Erhebung der Seele über diese Welt, indem der Mensch sie verläßt. Der Neoplatonismus hält hingegen an einer strikten Trennung der höheren Welt von der niederen Welt fest, nimmt im Sinne Platons einen Gegensatz zwischen Sinnenwelt und Ideenwelt an. Die Seele ist aus dem Kerker der Sinneswelt zu befreien, die jedoch andererseits insofern an der Welt der Ideen teilhaben kann, als diese der Seele Erinnerungen vermittelt, welche sie aus dem Zustand des Traumes herausreißen.

Gnosis und Mystik sind nicht dasselbe, aber auch nicht voneinander völlig getrennt, da es in jeder Mystik eine Spur von Gnosis gibt. A. Faivre ordnet die Mystik der Nacht und dem Dunklen zu, weil sie der Selbstverleugnung zugeneigt ist, die Gnosis hingegen dem Tag und dem Licht, da sie auf Loslösung und Bildung von Strukturen aus ist. Während der Mystiker nur nach der Einigung mit Gott strebt, sucht der Gnostiker die erleuchtende und heilende Erkenntnis. Der Gnostiker ist in der Lage, sich mit anderen über seine eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen und eine Beziehung zwischen den erhaltenen Offenbarungen und den verschiedenen Ebenen des "Spiegels" herzustellen.

Das Ziel gnostischer Bestrebungen richtet sich also darauf, ein höheres Niveau der Erkenntnis beziehungsweise einen höheren Bewußtseinsstand zu erreichen, in dem alle Dualitäten in einer neuen, keineswegs passiven Einheit aufgehoben sind. Als Entsprechungen dieser neuen dynamischen Einheit verweist Faivre (1996, S. 20) auf den "inneren Menschen" bei Paulus, das "Supramentale" bei Shri Aurobindo, die "erleuchtende Intuition" bei René Guénon, das "transzentale Ich" bei Husserl und die "Enstase" bei Mircea Eliade.



5. Die langen Schatten der Gnosis

5.1 Modernisierung als Kult des Vordergründigen

Nach den Auseinandersetzungen der letzten Jahre über Moderne und Postmoderne, die zu keinem allgemein konsensfähigen Ergebnis geführt haben, scheint es müßig zu sein, sich auf eine neuerliche Bestimmung dessen einlassen zu wollen, was die konstitutiven Merkmale dieser Moderne und vor allem die damit verbundenen Entwicklungstrends sein könnten. Es muß daher nicht unbedingt ein Rückfall hinter einen bereits erreichten Diskussionsstand sein, sich vorerst einmal auf die umgangssprachliche Bedeutung von "modern" im Sinne eines Gegensatzes zu traditional zu beschränken. Diese formale Beschränkung der Perspektive auf den Gegensatz des Neuen zum Alten führt gleichzeitig zu einer Erweiterung des Blickwinkels, weil sich keinerlei Gründe angeben lassen, warum denn dieser Konflikt erst für die letzten beiden Jahrhunderte virulent geworden sein sollte. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen sogenannten Alten und Modernen. La Bruyere(7)

stellte sich dabei in entschiedener Weise auf die Seite der Partei der Alten, während die deklarierten "Modernen" für ihn die Konformisten ihrer Epoche sind, flach, langweilig und heuchlerisch (Soller 1996, S. 1). Und Leibnitz schrieb 1713 an Remond de Montmart: "Nachdem ich mich von den herkömmlichen Schulen emanzipiert hatte, bin ich auf die Modernen gestoßen ..." (vgl. Deussen 1917, S. 137).

Gilt die Aufmerksamkeit weniger der Tatsache des Neuen als vielmehr seinem Verhältnis zum Alten, so rückt schlicht die Perspektive der Entwicklung in den Vordergrund, das Verhältnis von Erstmaligkeit und Bestätigung (Jantsch 1979, S. 89). Die Frage nach der Moderne wird dann offener für die historische Entstehung des Neuen in seiner Bindung und Überwindung des Alten. Der weiter zurückreichende Blick gewinnt zusätzliche Anhaltspunkte, Entwicklungsprozesse im Ganzen besser erfassen und abschätzen zu können. Eine Bestimmung des Neuen aus einer Gegenüberstellung mit dem Alten kann gegebenenfalls aber auch zur Einsicht führen, daß das scheinbar Neue lediglich eine Wiederauflage des Alten ist, es eigentlich "nicht viel Neues unter der Sonne" gibt.

Wird davon ausgegangen, "daß vor mehr als zwei Jahrhunderten ein Umbruch in den Diskursen über Menschen und Gesellschaften" erfolgte (Wagner 1995, S. 25), so läuft dies auf die Markierung einer historischen Cäsur hinaus. Das Neue wird dann darin gesehen, daß soziale Praktiken im Lichte der Idee von Freiheit und Autonomie neu interpretiert worden seien. Daraus seien die beiden einander entgegengesetzten Deutungsmuster, Metaerzählungen entstanden: Der Diskurs der Befreiung und der Diskurs der Disziplinierung, die sich beide an der Idee der Freiheit als Autonomie orientierten, wie sie am deutlichsten bei Kant formuliert worden sei.

Kant, jedoch hat, worauf oben bereits hingewiesen wurde, den Prozeß der (theoretischen) Aufklärung zum Abschluß gebracht. Die Modernisierung als die Durchsetzung von etwas Neuem gegenüber von etwas als alt Betrachtetem besteht daher darin, daß ein seit langem geführter Diskurs um die Freiheit zu seinem vorläufigen Ende gekommen ist, gleichzeitig aber die gesellschaftlichen Verhältnisse sich dahingehend verändern, daß Fragen nach der menschlichen Freiheit zusehends überflüssig werden. Es ist das neue Bürgertum, das sich der Freiheitsidee bemächtigt und die Verhältnisse im Sinne einer Erweiterung der Freiheiten der Bürger umzugestalten beginnt. Die ehemals subversive Unterscheidung zwischen Mensch und Bürger wird überflüssig, da der Mensch im Bürger aufgehoben ist, der Untertan der neuen sozioökonomischen Bedingungen die Frage nach dem Menschen in ihm für sinnlos zu halten beginnt.

Kant, der nach den Aussagen des mit ihm befreundeten Hamann "an einem gnostischen Haß gegen Materie litt" (vgl. Berlin 1994, S. 267) hat den Diskurs um die menschliche Freiheit und die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis jedoch keineswegs begonnen. Die Modernisierung des Wissenschaftsbegriffes setzte viel früher ein. Wo er zeitlich festgemacht wird, ob bei Newton oder Descartes, bei Galiläi oder Bacon, ist ziemlich gleichgültig, da sie alle nur Stationen des Bemühens markierten, den Bestand der Erkenntnisse zu vermehren und die Wege des Erkennens zu verbessern, methodologisch abzusichern. Doch auch dies ist nichts Neues, darum ging es ebenfalls schon früher bei Wilhelm von Ockham (1280-1348), der nur gelten lassen wollte, was sinnlicher Erfahrung zugänglich ist und bei Joachim de Fiore (1135-1202), dem Übersetzer des Corpus hermeticum, der neue Formen des Wissens propagierte, jenseits der eingefahrenen Bahnen der Scholastik. Von Fiore kommt das Motiv der Freiheit und Befreiung aus der Bevormundung von ekklesialen Vorgaben, auf der Linie von Ockham liegt das Streben nach Validierung der Erkenntnisse über ausschließlich den Sinnen zugängliche Singularitäten. Über den englischen Sensualismus und den frühen französischen Materialismus führte diese Linie direkt zum Selbstverständnis der Aufklärer (bzw. einer relevanten Gruppe von ihnen), Wissen nur dann für begründet zu halten, wenn es sich auf eine von allen nachvollziehbare Art und Weise legitimieren läßt. Es hatte sich ein Erkenntnisprogramm durchgesetzt, das vorgab, an der Natur ausgerichtet zu sein, doch diese gleichzeitig auf leblose Dinghaftigkeit reduzierte. Damit verbundene Hoffnungen auf eine bessere Zukunft wurden an der Idee einer Freiheit festgemacht, die ihre Gebundenheit an die Natur nicht mehr transparent zu machen vermochte. Das Postulat der Autonomie, Anspruch ebenso wie Verpflichtung, blieb somit ohne Hinweis, wie sie zu realisieren wäre.

Üblicherweise wird die Geschichte der Philosophie als eine Geschichte zunehmender Rationalisierung dargestellt und dabei übersehen, daß sich durch die ganze Philosophiegeschichte ein unterirdischer Strom eines anderen, des mythischen Philosophierens zieht, der nur selten an die Oberfläche tritt (Weischedel, 1991, S. 100). Eckehardt, hier im Zusammenhang mit der Entstehung der deutschen Bildungstradition behandelt, ist weder der Begründer dieser Tradition noch ihr herausragender Höhepunkt. In Eckehardt ist lediglich exemplarisch repräsentiert, was sich schon bei Plotin im dritten, bei Dionysus Areopagita im fünften und Scotus Eriugena im neunten Jahrhundert finden läßt. Das mystische Philosophieren lebt nicht nur bei Eckehardts unmittelbaren Schülern weiter, sondern führt über Nikolaus von Cues und Jakob Böhme unmittelbar zum späten Fichte, zu Schelling und zu Hegel, reicht also weit über das Feld hinaus, in dem es sich unmittelbar darstellt.

Wie wichtig dieser unterirdische Strom des Philosophierens ist, zeigt sich daran, daß er die Selbstinterpretation der modernen Gesellschaften in erheblicher Weise mitbestimmt. Selbstinterpretation bedeutet Verankerung in Raum und Zeit, Bestimmung, wie Mensch, Gesellschaft und Menschheit begriffen werden können. Voltaire war es, der als erster die historische Bedeutung Israels negierte und damit das christlich-abendländische Erklärungsschema außer Kraft setzte. In seiner "philosophie de l' histoire" tritt an die Stelle der Vorsehung nun der Fortschritt, der auch bei den Enzyklopädisten zum Postulat und zum Programm erhoben worden war. Mit der französischen Revolution stellte sich das neue Problem der Vollendung der Menschheit und einer theoretischen Begründung der allgemeinen Rechte des Menschen.

E. Voegelin sieht in der damit vollzogenen Säkularisierung nicht etwas qualitativ völlig Neuartiges, sondern lediglich eine zweite Phase der Immanentisierung, womit gemeint ist, daß sich die Sinnsuche und Sinngebung des Menschen zu einem völlig innerweltlichen Phänomen verdichtet hat und auf jegliche Art von Transzendenz verzichten kann. Was sich bei Voltaire in klarer Gestalt abzeichnet, ist schon bei anderen vorskizziert: Bei Pico "wird der Mensch mit vollem Recht für ein großes Wunder und für ein bewunderungswürdiges Geschöpf (geheißen und) gehalten",(8)

für Vicos "Neue Wissenschaft" ist konstitutiv, daß der Mensch nicht von dem ihm anderen, der Natur, sondern nur von sich selbst und seinem Werk wahre Erkenntnis gewinnen kann.

Zu einer ersten Phase der Immanentisierung hatte die joachitische Spekulation geführt, deren Ziel es war, dem Lauf der Geschichte einen inneren Sinn zu geben. Augustinus sah die Heilsgeschichte in ihren drei Epochen - Zeit der Gesetzlosigkeit, Zeit unter dem Gesetz und Zeit der Gnade - in Analogie zum siebten Schöpfungstag. Sie war also bereits zu ihrem Ende gekommen, nach Christus konnte nur noch eine geschichtslose Zeit kommen. Staat und Kirche bilden demnach zwei eigenständige Sphären. Das irdische Reich kann dem messianischen Reich dienen, das aber prinzipiell einem anderen Bereich zugehörig ist und erst am Ende der Zeit offenbar werden wird. Geschichte ist also ein Warten auf das Ende, ihre Gegenwart ein saeculum senescens, ein vergreisendes Zeitalter (Voegelin 1959, S. 168).

Joachim de Fiore übertrug das Symbol der Trinität auf den Ablauf der Geschichte und stellte sich damit in Gegensatz zur augustinischen Auffassung. Den drei Personen der Trinität sollten drei Zeitabschnitte der Menschheit entsprechen, wobei als Unterscheidungskriterium der jeweilige Grad an spiritueller Erfüllung gelten sollte. Dem Zeitalter des Vaters entspricht das Leben des Laien, dem Zeitalter des Sohnes das aktiv-kontemplative Leben des Priesters, dem Zeitalter des Heiligen Geistes des vollkommene spirituelle Leben des Mönches. Jedes dieser Zeitalter sollte mit einer Trinität führender Persönlichkeiten beginnen, wobei jeweils zwei Vorläufer dem eigentlichen Führer des Zeitalters vorangehen sollten. Das erste Zeitalter wurde von Abraham angeführt, das zweite von Christus, das dritte von einem Führer, der um 1260 erscheinen sollte. Im dritten Zeitalter wird die Kirche völlig überflüssig, da die Herankunft des Geistes die Menschen ohne vermittelnde Sakramente an den charismatischen Gaben teilhaben läßt und sie so zu Gliedern eines neuen Reiches macht. Damit ist die Idee einer Gemeinschaft derer, die im Geiste vollendet sind und ohne institutionelle Autorität zusammenleben können, prinzipiell formuliert.

Mit dieser trinitarischen Eschatologie hat nach E. Voegelin (1955, S. 159) Joachim jenes Aggregat der Symbole geschaffen, das auch noch der Selbstinterpretation der modernen Gesellschaft dient. Es sind dies zunächst einmal die Auffassung der Geschichte als einer Abfolge von drei Zeitaltern, dann das Symbol eines Führers, weiters, oft mit den eben genannten verbunden, das Symbol des Propheten eines neuen Zeitalters, und schließlich das Symbol einer Bruderschaft autonomer Personen.

Das erste Symbol, die dreiphasige Geschichtsteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit, findet sich in den Periodisierungen des Humanisten und Enzyklopädisten, in Hegels Schema der drei Stadien der Freiheit, das in der selbstbewußten geistigen Vollendung kulminiert wie auch im marxschen Modell, das eine Gesellschaft ohne Klassen in einem neuen Kommunismus verheißt. Comtes Dreistadiengesetz liegt offensichtlich auf derselben Linie. Das zweite Symbol, das des Führers, ist wirksam bei den franziskanischen Spiritualen, den pfingstlichen Figuren des Spätmittelalters, der Renaissance und der Reformation, später dann, in säkularisierter Form, in der Gestalt des Übermenschen bei Condorcet, Comte, und schließlich explizit bei Nietzsche. Das dritte Symbol, das des Propheten eines neuer Zeitalters, ergibt sich aus der Notwendigkeit der Konstruktion von Sinn und der Erzeugung von Legitimität. Der Ablauf der Geschichte soll als ein rekonstruierbares Ganzes darstellbar sein, eine Aufgabe, die der Intelligentia der modernen Zivilisation zufällt. Das letzte Symbol, das der Bruderschaft autonomer Personen, findet sich in verschiedenen Variationen, den Sekten des Mittelalters und den puritanischen Kirchen der Heiligen, es liegt den marxschen Vorstellungen vom Absterben des Staates zugrunde, dem das Reich der Freiheit folgen soll. Voegelin hält die Idee der Bruderschaft autonomer Personen in ihrer säkularisierten Version auch für eine machtvolle Komponente des zeitgenössischen Bekenntnisses zur Demokratie.



5.2 Wiederkehr des Hintergründigen

Für den Prozeß, der rückblickend als Modernisierung bezeichnet wird, sind demnach zwei Momente konstitutiv, die beide auf Neues verweisen, indem sie sich bewußt von Altem distanzierten. Einmal die Neugestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse unter dem Vorzeichen von Autonomie und Freiheit, sich absetzend von letzten Resten feudaler Abhängigkeiten und dem Korsett absolutistischer Vorgaben. Dann aber die zunehmende Verwissenschaftlichung der materiellen Grundlagen der Lebensvollzüge, in denen Natur und natürlich Gewordenes technisch bearbeitet und schließlich durch Technik ersetzt wurden. Kennzeichnend für das Neue und somit auch für das Moderne ist der Wille, über die Welt durch ein erweitertes Wissen darum, wie sie funktioniert, verfügen zu können. Verständlich, daß damit die Suche nach den Gesetzen, denen die Dinge gehorchen, in den Vordergrund des Erkenntnisinteresses rückte. Nicht mehr was die Dinge sind ist von Bedeutung, sondern wie sie funktionieren und gesteuert werden können.

Hatte Kant eine scharfe Trennungslinie zwischen Physik und Metaphysik, zwischen gesichertem Wissen und ungesicherter Spekulation zu ziehen gesucht, so lebten als Reaktion darauf in der Philosophie der Natur die Fragen nach der Eigenart der Dinge weiter. In der Artikulation dessen, was nach den neuen Erkenntnisprinzipien nicht zweifelsfrei zu formulieren war, ließ sich früheres Wissen tradieren und gleichzeitig damit auch der Vereinseitigung des Wissenschaftsverständnisses eine Alternative entgegensetzen. So standen sich schon lange eine Moderne, die von Ockham u. a. ihren Ausgang nahm und zum naturwissenschaftlichen Erkenntnismodell führte, das Natur als positive Gegenständlichkeit begriff, die dem analytischen Zugriff verfügbar sein sollte, und dieses Modell konkurrierende Entwürfe gegenüber. Die Spätphase Kants deckt sich mit der Frühphase der Entwürfe der Kollegiaten im Tübinger Stift. Hegels Geschichtsphilosophie verdankt ihren spekulativen Idealismus ebenso wie die Trias der dialektischen Methode und die Bestimmung der Wahrheit als des Ganzen dem schwäbischen Pietismus, einer stark gnostischen Richtung innerhalb des Protestantismus. Ähnlich Schelling, der seit 1797 seine eigene Philosophie der Natur ausarbeitete, der zufolge alle Natur vom Geist geprägt ist, weil beide im Absoluten gründen, wie schon Spinoza gelehrt hatte. Ab 1806 kam Schelling unter dem Einfluß Baaders in die Nähe der christlichen Theosophie, womit Jakob Böhme, den Hegel für den ersten Deutschen Philosophen hielt, auch für Schelling ein maßgeblicher Bezugspunkt geworden war. Doch im Gegensatz zu Hegels System der Notwendigkeit hielt Schelling an einer Philosophie der Freiheit fest, in welcher es gilt, die Vorgaben hinnehmend zu erkennen, wie auch die menschliche Person nur über ihre Taten erkennbar ist.

Für die Abgrenzung dessen, was sich in der jüngeren Denkgeschichte als gnostisches Gedankengut identifizieren läßt, orientiert sich A. Fairve (1995, S. 340) am Umgang mit folgenden drei Problemkreisen: der Frage des Ursprungs, der Frage nach der Beziehung zwischen Geist und Natur, und schließlich der verschiedenen Logiken des Konkreten.

Beim ersten Problemkreis geht es um das Wann, Wie und Warum der Entstehung der Welt. Derartige Fragen nach dem Ursprung stellen sich sowohl der objektiven Wissenschaft wie auch der Metaphysik und der Religion, denn jede kosmogonische Erklärung enthält eine Erzählung über die Anfänge. Seit Einstein hat sich die Vorstellung eines räumlichen Universums als einer begrenzten Sphäre durchgesetzt. Auf derselben Linie liegt G. Lemaitres These, daß der Raum gleichzeitig mit dem Uratom begonnen hat, der Ursprung des Raumes auch den Anfang der Zeit markiert. Die Mehrheit der Astrophysiker geht heute von der Annahme eines "Urknalls" aus, der vor ungefähr 10 - 20 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Wer und was dies alles bewirkt hat, ist völlig unbekannt. Soferne darin ein multiples Sein und eine dynamische Energie am Werk gesehen wird, wie dies bei den deutschen Theosophen und der Naturphilosophie der Romantik der Fall gewesen ist, so spricht A. Faivre (1995, S. 343) von "Neo-Gnostizismus". Dem rechnet er auch E. Morin zu, der bei der symbolischen Hermeneutik Anleihen tätigt und die Bezeichnungen Elohim, Adonei und Jahweh verwendet, um den Schöpfer vom Herrn und Gesetzgeber zu unterscheiden (Morin 1977, S. 228).

Nicht weniger brisant, aber ebenso unlösbar sind die Fragen nach den Beziehungen zwischen Geist und Natur, die im zweiten Problemkreis aufgegriffen werden. A. Faivre verdeutlicht die damit angesprochene Thematik durch den Rückgriff auf die alte Unterscheidung von einer 'natura naturata', die unmittelbar der Wahrnehmung und wissenschaftlicher Forschung zugänglich ist, und einer 'natura naturans', die der ersten vorgelagert ist. Soferne Mikrophysiker und Astrophysiker sich heute der immer schon fundamentalen Frage nach den Beziehungen zwischen Geist und Materie stellen, zeigt sich, daß sie, wenn auch in anderer sprachlicher Fassung, zu den Hypothesen und Bildern der früheren religiösen Traditionen zurückfinden oder diese wieder aufgreifen. Die Formel Einsteins, daß es einen leeren Raum ohne Materie nicht gibt, ergänzt Charon durch die Behauptung, daß es einen leeren Raum ohne Lebendiges nicht gibt. Auf der Linie von Leibnitz definiert heute E. A. Milne das Universum als eine ideale Gemeinschaft bewußter Monaden und läßt damit der objektiven Beschreibung der äußeren Welt jene der Intersubjektivität vorangehen, womit er gleichzeitig den traditionellen Gegensatz von Subjekt und Objekt überwindet. Die "Gnostiker von Princeton und Passadena", eine um 1970 gegründete lose Vereinigung von Naturwissenschaftlern, versuchen modernste Forschung und alte Bilder der Gnosis miteinander zu verbinden (Faivre 1995, S. 345). Ihre Konzeption ist wesentlich antimaterialistisch, Geist und physische sowie chemische Phänomene sind in unauflöslicher Weise miteinander verbunden. Zwischen Geist und Materie, Subjekt und Objekt, Bewußtsein und Gegenständlichkeit gibt es keinen Gegensatz. Von A. Koestler haben diese Forscher den Begriff des Holons übernommen, um damit Sub-Einheiten als Träger des Geistes herauszustellen, die in der alten Gnosis als 'Eons' bezeichnet worden waren. Vor Koestler hatten Eddington (1930), Lawden (1964) und Firsoff ähnliche Gedanken geäußert (Faivre 1995, S. 346), auf derselben Linie liegen auch die Spekulationen von Theilhard de Jardin und anderer.

Der dritte Problemkreis, der die Logik des Konkreten thematisiert, geht davon aus, daß die Welt in ihren Grundstrukturen eher shakespearhafte denn newtonianische Züge trägt. Eines der Grundargumente dafür ist die Unmöglichkeit, Energie und energetische Prozesse mit dem einfachen atomistischen Modell begreifen zu können. An die Stelle der Objekte treten die Systeme, an die Stelle der Substanzen die Organisation, an die Stelle der einfachen und elementaren Einheiten komplexe Entitäten. Damit wird wieder Bezug genommen auf Heraklit, der als einer der ersten den Widerspruch hinter den augenfälligen Harmonien postulierte. Denselben Gedanken, mit variabler Schwerpunktsetzung allerdings, vertraten Nikolaus von Cues und Hegel in der Geschichte, Lupasco und Thom in der Gegenwart. Niels Bohrs Theorie der Komplementarität bedeutete einen expliziten Rückgriff auf ein vorsokratisches Konzept, wie auch Heisenberg mit seiner Formulierung "am Anfang war die Symmetrie", an Platons Timaios anschließt und damit die Auffassung Demokrits, 'Am Anfang war das Partikel', explizit zurückweist. In der neueren Mikrophysik und Biologie findet also eine unübersehbare Absetzbewegung vom atomistischen Konzept statt, an die Stelle positivistischer Ausdrücke treten solche, die mehr an die Arithmetosophie erinnern (Faivre 1995, S. 357).

Dennoch ist Vorsicht geboten, denn wissenschaftstheoretische Einwände gegen den Scientismus konstituieren noch keine Philosophie und auch keine neue gnostische Position. A. Faivre warnt vor drei Gefahren, die Verwirrung stiften können. Zunächst einmal sollte man nicht mehr erwarten als gute Gründe gegen einen totalitären Positivismus und die zufällige Entdeckung traditioneller Bilder. Dann aber warnt er vor einem voreiligen Schluß von einer neuartigen Metaphysik, die sich aus einer neuen Epistemologie ergibt, auf eine Gnosis, die als Resultat herkömmlicher Wahrnehmung gilt. Denn die Gnosis des neuen Blicks(9)

ist weder eine Metaphysik noch ein leicht transportierbares Wissen. Gnosis führt immer zur Einheit, mag diese auch eine komplexe Entität sein. Daher die Warnung, Chemie und Alchimie, Astronomie und Astrologie nicht zu verwechseln. Und schließlich vor der Annahme, die neue Gnosis sei eine Mythologie. Wie sich aus den Beziehungen zur Freimaurerei ergibt, die zweifellos vorhanden sind, wird im Gegensatz zu dieser jeder Symbolismus abgelehnt. Große Bedeutung kommt jedoch der experimentellen Seite zu, deren Ziel es ist, die Regeln der Spiele zu entdecken, analog zu dem, was H. Hesse in seinem Glasperlenspiel vorexerzierte. Die Vertreter der "neuen Gnosis" gehen sogar auf Distanz zur Gnosis, indem sie sich generell zu einem Pantheismus bekennen, jede Vorstellung eines anfänglichen Sündenfalls ablehnen wie auch allen Anthropozentrismus. Dennoch wird das Universum selbst für gnostisch gehalten in dem Sinne, daß es auf der Suche nach dem Licht ist. Auf das Sündenfallstheorem hatte selbst Theilhard de Jardin verzichtet. Der Mensch hingegen rückt aus seiner zentralen Stellung in eine zufällige und periphere. Im Gegensatz zu Öttingers "Alles bezieht sich auf den Menschen" ist der Mensch bei der wissenschaftlichen Neo-Gnostik ein belangloses Anhängsel des Universums, das Denken des Menschen ist das seiner denkenden Elektronen im Sinne einer Identität, nicht einer Analogie (Faivre 1995, S. 363).



6. Bildung und Gnosis

Der Ausdruck 'Bildung', eine Besonderheit der deutschen Sprache, ist in seiner Entstehung auf Eckehard zurückzuführen und somit im Kontext der Auseinandersetzungen des Spätmittelalters anzusiedeln. Über das rein Sprachliche hinaus war diese Epoche auch bedeutsam für die Artikulation der Vorstellungen über die Genese des Menschen: Das Ich wird geboren, indem es vom vergänglichen Selbst, das der Mensch im Seienden findet, abläßt, um zum wahren Ich zu kommen. Wer sein höheres Ich sucht, muß lernen, von sich selbst los zu kommen. Der Weg zu sich selbst als Persönlichkeit führt über das Loslassen des sterblichen Selbst, womit der Mensch gleichzeitig die Geburt Gottes in sich selbst erfährt (Krüger 1996, S. 181). Ichgeburt bedeutet also Gottesgeburt, das damit auf dem Grunde der Seele ruhende Seelenfünklein (scintilla animae) ist ungeschaffen, unerschaffbar und so auch Garant der Unsterblichkeit und der Individualität.

Der Mensch ist also in dieser Sichtweise ein doppelter, wobei das wahre Ich ein dem irdisch-vergänglichen Ich gegenüber Transzendentes beziehungsweise transzendente Immanenz ist, indem etwas Höheres im Menschen geboren wird. Ähnlich wie Eckehardt formuliert Jakob Böhme in der Vorrede seiner Aurora: "Nicht ich, der ich der Ich bin, weiß es, sondern Gott weiß es in mir". Und hinsichtlich der Welt ist "der Mensch eine kleine Welt aus der großen und hat der ganzen großen Welt Eigenschaften in sich ...", wie es in den "theosophischen Sendbriefen heißt.(10)

Herders Geschichtsphilosophie verbindet Theologie und Anthropologie aufs engste miteinander, wenn der Mensch in seinem Streben nach Humanität gottähnlich, zum Bilde Gottes wird. In einer solchen Sichtweise ist die mittelalterlich mystisch-spiritualistische Bildungsanschauung "aufgehoben", jedoch in gereinigtem Zustand insofern, als die weltnegierenden Elemente wegfallen (Rupp 1994, S 57). Humanität bedeutet bei Herder Gottähnlichkeit, die Koinzidenz von Gottheit und Menschheit, womit er sich gleichzeitig von allen rein immanentistischen Entwürfen der Aufklärung, die einen Automatismus der höheren Entwicklung suggerieren, entschieden abgrenzt. Lessings Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechtes" (1780) begreift die Entwicklung des Menschen als einen Fortschritt von der Offenbarung zur Vernunft, die beide gleichen Ursprungs und gleicher Wesenheit sind. Was Gott dem Menschen von außen durch die Offenbarung gegeben hat, läßt er ihm von innen zukommen, indem er ihn von innen durch die Vernunft leitet. So ist Aufklärung identisch mit der Menschwerdung Gottes. Die "Zeit eines neuen ewigen Evangeliums" im Sinne Lessings (Krüger 1996, S. 276) ist ein Evangelium der Erkenntnis, eine Philosophie der Freiheit. Offenbarung wird zur Vernunft, wenn sich Erkenntnis in Einklang mit dem Weltganzen befindet.

W. v. Humboldt, der 1787 in die "Verbindung", einen Geheimbund mit Statuten und geheimen Zielen nach der Art der Freimaurer aufgenommen worden war, versteht unter 'in das Große und Ganze wirken' ein "auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder, sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt" (Humboldt o. J., S. 43). Einerseits dem Vernunftidealismus Kants verpflichtet, hielt er andererseits aber an einem Begriff der Individualität fest, die den ganzen Kosmos in sich enthält. In einem Brief an Körner von 1793 beklagt er die Diskrepanz zwischen 'der großen Aufklärung in der philosophischen Einsicht' und den menschlichen Handlungsweisen, die davon völlig unberührt bleiben, zwischen dem, was die Menschen wissen und bewirken und dem, was sie sind. Erklärung dieser Erscheinung ist die teils nicht hinlänglich beachtete, teils mißgeleitete Bildung des Menschen. Daher muß, so Humboldts Ansicht, auch von dieser Seite das Heilmittel des Übels gefunden werden. Doch ist dieses ganze Feld einem systematischen Plane nach noch gar nicht und selbst teilweise nur wenig bearbeitet (Humboldt, a. a. O., S 88). Hinsichtlich der Theorie der Bildung des Menschen existiert nach Humboldt "höchstens eine Theorie der Erziehung und Gesetzgebung, aber keine der Religion, ... keine (was doch das wichtigste wäre) der Bildung durch Leben und Umgang, ... Endlich fehlt, freilich nicht dem Titel, wohl dem Geiste nach, eine philosophische Geschichte der Menschheit" (Humboldt, a. a. O.).

Humboldt distanziert sich damit klar von Leuten wie Herder und Lessing. Statt ihre Gedanken weiterzuführen, bekundet er, sich künftig dem Studium der Geschichte, und zwar insbesondere jener der Griechen zuwenden zu wollen. Denn ihnen hatte die Herrschaft des ästhetischen Sinnes eine so bewundernswerte Charaktereigenschaft gegeben. In der Bildung des Geschmacks, oder noch richtiger, dem Einfluß des gebildeten Geschmackes auf die räsonierenden und handelnden Kräfte sieht Humboldt (a. a. O.) aber den Hauptmangel seines Zeitalters.

Bei W. v. Humboldt, der gemeinhin als wichtigster Repräsentant der deutschen Bildungsidee gilt, werden, wohl unter dem Einfluß der Philosophie Kants, deren Verbindungen zu ihren gnostischen Wurzeln abgetrennt. Alle seither angestellten Versuche, Bildung neu zu fassen, wurden für unbefriedigend gehalten, sodaß es immer wieder zu neuen Entwürfen einer angemessenen Bildungskonzeption kommt. Was Humboldt fehlte, nämlich eine Theorie der Bildung des Menschen, das fehlt auch heute noch. So ist Bildung ein Appell, ein Verweis auf Höheres, das sich zwar der Bestimmbarkeit entzieht und insofern leer bleibt, aber dennoch nicht explizit negiert werden kann, ohne das tradierte Menschenbild radikal in Frage zu stellen.

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1. 1 Hauptschulen dienen der Vorbereitung für Künste und Handwerk, Realschulen weitergehenden Ansprüchen, werden aber ausdrücklich dem "eigentlichen Volksunterricht" zugerechnet.

2. 2 Für eine geschichtsphilosophische Interpretation der Freimaurerei bei Lessing verweist Kosselek auf folgende Passage in dessen 'Ernst und Falk' (1778): Die Maurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerliches Gesellschaft gegründet ist" (vgl. Kosselek 1976, S. 183).

3. 3 Friedrich der Große, Histoire des mon temps, 1742 (vgl. Kosselek 1976, S. 98)

4. 4 In seiner staatstheoretischen Jugendschrift (1792) Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", die zu seinen Lebzeiten nur in Bruchstücken veröffentlicht worden ist

5.

5 K. Flasch sieht daher in Eckhard einen originären Philosopen mit strengem Beweisanspruch und hält daher die Anwendung des Ausdrucks "Mystik" zur Charakterisierung seines Denkens für unangemessen (Flach 1989, S. 163)

6. 6 Mythischer Alchimist, dem das Corpus Hermeticum (100 - 300 n. Chr.) zugeschrieben wird; vgl. Merchant 1987, S. 31

7. 7 La Bruyère wurde 1693 mit tatkräftiger Unterstützung durch Bossuet und Racine in die Akadémie Francaise gewöhlt, die damals durch den Streit zwischen den Alten und den Modernen in zwei gegensätzliche Lager gespalten war. Vgl. J. De la Bruyère, Les Charactères, Paris 1993, S. 8

8. 8 Pico de la Mirandola, Über die Würde des Menschen (1486), Zürich 1989

9. 9 Der neue Blick. Verweis Faivre

10. 10 Vgl. R.M. Bucke 1995, S. 137