Soz.Ganymed.Org
Wie reagiert die Soziologie auf den Imperialismus der Ökonomie?

Wie reagiert die Soziologie auf den Imperialismus der Ökonomie?

Otto Nigsch 1994 / 95

Anmerkung 20. 6. 97: Diesen Text habe ich eingereicht zuerst bei der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" und dann bei der "Österreichischen Zeitschrift für Soziologie". Er ist von der erstgenannten abgelehnt, von der letzteren mit der Ersuchen um Überarbeitung zurückgeschickt worden. Das habe ich nicht mehr gemacht, weil ich nicht mehr wollte. Vielleicht können andere dieses Thema kompetenter behandeln. Die Ablehnungen stützten sich z.T. darauf, daß der Beitrag nichts Neues zur Auseinandersetzung um die Prämissen des Ökonomischen Denkansatzes enthalte. Mein Ausgangspunkt war jedoch, daß man dazu nichts Neues sagen kann. Denn Axiome, die letztlich metaphysische Aussagen sind, kann ich akzeptieren oder ablehnen, jedoch nicht argumentativ widerlegen

1. Die flüchtigen Grenzen der Soziologie

Die Tatsache ist unübersehbar, daß in den letzten Jahren die Frage der Soziologie nach sich selbst wieder einmal verstärkt in den Vordergrund getreten ist. Die Form ist dabei variabel. Einmal steht die Sorge nach einem Ausweg aus der sogenannten Krise im Vordergrund, ein anderes Mal die Suche nach einem Gegenstand, der ihr anscheinend abhanden gekommen oder doch zumindest fraglich geworden ist (so Bude 1988, S. 14). Auf derselben Linie einer Verunsicherung im Selbstverständnis scheint das Generalthema des 14. Österreichischen Kongresses für Soziologie in Innsbruck 1995 zu liegen: "Die Soziologie im Konzert der Wissenschaften. - Zur Identität einer Disziplin".

Möglichkeiten, Ursachen dieser Verunsicherung zu benennen, gibt es mehrere. Das Spektrum reicht vom Befund der Normalität des Krisenhaften bis zur Annahme, es handle sich dabei um eine vorübergehende Erscheinung, von der These der Selbstverschuldung bis zur Annahme struktureller Widrigkeiten im gesellschaftlichen Umfeld, von der Annahme eines generellen Geltungsverlustes jener Wissenschaften, die den performativen Imperativen des Szientismus nicht entsprechen können oder wollen bis zur Vermutung, daß die Arbeitsbereiche der Soziologie von Nachbardisziplinen okkupiert und gleichzeitig damit auch deren bisherige Funktionen übernommen werden sollten.

Im folgenden soll es vor allem um die letztgenannte der aufgezählten Möglichkeiten gehen. Die Zusammenhänge, die damit angesprochen werden, lassen sich am Begriff eines "Imperialismus der Ökonomie" festmachen, der die Bemühungen und Tendenzen anspricht, ökonomische Prämissen und Methoden auch auf nichtökonomische Bereiche auszuweiten. Wird dem nicht entgegengetreten, so führt dies vorerst zu einer Relativierung, dann aber zur Negation der Berechtigung anderer, alternativer bzw. konkurrierender sozialwissenschaftlicher Perspektiven, insbesondere der soziologischen und politologischen. Die weiteren Konsequenzen sind nicht nur Verschiebungen der Akzente im wissenschaftlichen Feld, sondern gleichzeitig, was weit gravierender ist, ein Realitätsverlust gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten, vorbehaltlose Akzeptanz der Zweidrittelgesellschaft, Legitimation von gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion, nicht mehr diskutierte Koexistenz von Reichtum und Armut, von Prosperität und Verwahrlosung (Otto 1993, S. 473). Also insgesamt eindeutige Tendenzen der Entwicklung in eine Richtung, die offenen Auges und anscheinend auch guten Gewissens von nur einer Minorität gewollt, doch von einer Majorität zugelassen zu werden scheint. Die sozialen und politischen Konsequenzen derartiger Verhältnisse, die sich abzuzeichnen beginnen, scheinen in hohem Maße bedrohlich zu sein. Es wäre daher ein folgenschweres Versäumnis, die Entdifferenzierung der theoretischen Betrachtungsweisen, als unproblematisch zur Kenntnis zu nehmen.

2. Der Imperialismus der Ökonomie

Als hinlänglich bekannte Beispiele für eine Ausdehnung der ökonomischen Perspektive sei zunächst auf die Arbeiten J. M. Buchanans und G. S. Beckers verwiesen. Ersterer hat versucht, mit seiner "political choice theory" die ökonomische Methode zur Erklärung der Prozesse im politischen Bereich anzuwenden, letzterer will sie auf Sozialbereiche wie Familie u.a. ausdehnen und ist für seine Bemühungen vor erst kurzer Zeit mit der Verleihung des Nobelpreises ausgezeichnet worden.1

Die These, die Ökonomie sei eine "imperialistische" Sozialwissenschaft, ist in dieser Formulierung erst jüngeren Datums, und wird von P. J. Buckley und M. Casson (1993, S. 1035) vertreten. Diesen beiden englischen Ökonomen zufolge ist ihre Disziplin, die Ökonomie, eine Methode der Analyse und nicht ein besonderer Gegenstandsbereich für Untersuchungen. Das Spezifikum der Methode wird darin gesehen, zwei zentrale Grundannahmen - individuelle Optimierung und Gleichgewicht - mit verschiedenen Reihen besonderer Zusatzannahmen auf verschiedene Bereiche anzuwenden, also keineswegs nur auf das Marktsystem selbst, sondern auch auf die soziale und politische Umwelt, in die jenes eingebettet ist. Soziale und psychologische Erkenntnisse können bei der Spezifizierung interdependenter Präferenzen, die im Zentrum aller Versuche stehen, institutionelles Verhalten in rationalen Begriffen zu fassen, berücksichtigt werden.

Nach Buckley und Casson liegt die Stärke ökonomischer Theorien darin, vereinfachende Modelle bilden zu können, während andere theoretische Systeme, die in einem zu engen Entsprechungsverhältnis zur komplexen sozialen Realität stehen, zu kompliziert seien, um noch irgendwie nützlich zu sein. Doch Simplifizierung, die immer auch potentiell Bedeutsames beiseite liegenlassen müsse, sei eine offene Einladung zur Kritik. Dennoch gelinge es der ökonomischen Theorie immer wieder, jede Kritik zu überleben, und zwar aus folgenden Gründen:

Der erste Grund, den die beiden Autoren angeben, beruft sich darauf, daß die Kritik kein besseres, bestenfalls ein komplizierteres oder überhaupt kein System als Alternative anzubieten vermöge. Die Attraktivität der ökonomischen Theorie beruhe auf der Eleganz und der Einfachheit der zugrundeliegenden Logik, keineswegs aber in der Perfektion der mathematischen Formulierungen. In Anbetracht der Schwierigkeit abstrakten Denkens bevorzugten die Leute Grundannahmen, die einfach und geradlinig sind. Überdies gebe die Tatsache, daß den Menschen Rationalität unterstellt wird, den Ergebnissen der Theorie den Anstrich innerer Notwendigkeit. Damit stehe man offensichtlich vor einem Paradox: Während die Menschen tatsächlich von nur beschränkter Rationalität seien, sei ihnen die Annahme von Nutzen, daß andere Menschen völlig rational seien, wenn sie ihr Verhalten interpretieren. Die Rationalitätsunterstellung der Ökonomen sei also keineswegs ein Stück fehlgeleiteter Psychologie, sondern eine wirksame Antwort auf das praktische Bedürfnis, soziales Verhalten in einfachen Begriffen zu erklären.

Ein zweiter Grund für die hohe Resistenzfähigkeit ökonomischer Theorie gegen jede Art von Kritik sehen Buckley und Casson (1993, S. 1036) darin, daß sie weit beweglicher sei, als ihre Kritiker annehmen. Die Kritik richte sich immer auf ein nicht fest fixiertes Ziel, da die Theorie ständig an bereits vorgetragene Kritik angepaßt werde. Dies lasse sich an folgenden Beispielen illustrieren: Als die frühen amerikanischen Institutionalisten die Annahme vollständiger Konkurrenz kritisierten, sei die Monopoltheorie entwickelt, eine frühere Theorie des Oligopols, die auf Cournot zurückgehe, wiederentdeckt und verfeinert worden. Als Reaktion auf die Kritik an der Annahme uneingeschränkter Gewißheit wurde die Theorie der Ungewißheit aufgestellt, der Kritik der jüngeren Institutionalisten an der Behandlung der Firma als "black box" folgte die Entwicklung der Theorie der Transaktionskosten, zunehmende Betonung geschäftlicher Strategien führte dazu, den Konkurrenzprozeß mit spieltheoretischen Mitteln zu analysieren.

Diese Beispiele seien völlig unvereinbar mit einer Sichtweise, welche die ökonomische Theorie für streng und dogmatisch halte. Denn ihre Grundannahmen seien sehr wohl kompatibel mit einer großen Bandbreite menschlichen Verhaltens, nicht nur des ökonomischen, sondern auch der politischen und sozialen Felder. Die großen Möglichkeiten der Annahme besonderer Randbedingungen gebe der Theorie einen "enormen Überlebenswert". Denn Falsifikationen von Voraussagen tangierten nie die wesentlichen beiden Grundannahmen, sondern seien lediglich eine Einladung, die besonderen Bedingungen, die mit ihnen verbunden sind, zu verfeinern. Die Grundannahmen selbst seien kaum oder überhaupt nicht aussagekräftig, ihr Nutzen liege vielmehr darin, von anderen besonderen Annahmen Bedeutungsgehalte abzuziehen.

Von der herkömmlichen Ökonomie distanzieren sich die beiden Ökonomen insofern, als sie ihr vorwerfen, in der Anwendung ihrer Ideen zu vorsichtig und mit zu wenig Vorstellungsvermögen vorgegangen zu sein. Viel zu viel Gewicht sei auf die Erklärung von Marktprozessen gelegt worden, statt sich mehr auf nicht-marktrelevantes Verhalten zu beziehen (Buckley/Casson 1993, S. 1038). Die Ursache dieses Versäumnisses sei darin zu sehen, daß die Ökonomie eine konservative Profession sei, was dazu führe, daß sie die Beweglichkeit ihrer Grundannahmen erst dann ausnütze, wenn sie unter Druck gerate. Eine solche Bedrohung ergebe sich in der Gegenwart durch die sich vertiefende Evidenz, daß kulturelle Faktoren Schlüsselgrößen des ökonomischen Erfolgs seien. Die Reaktion darauf könne nicht sein, Kultur per se zu analysieren, sondern in guter alter Tradition von Details und Peripherem zu abstrahieren und sich nur auf wesentliche Elemente zu konzentrieren.

Die Stoßrichtung derartiger Argumentationen geht ohne Zweifel auf eine Vereinheitlichung der Sozialwissenschaft unter dem rationalistischen Diktat der Ökonomie. Doch der Erfolg eines solchen Imperialismus verlange mehr als nur die Ausdehnung der Anwendungsbereiche konventioneller Modelle auf neue Bereiche; eine Innovation in Richtung neuer Modelle oder zumindest eine signifikante Modifizierung der bestehenden sei unerläßlich. Als unverrückbare Größe gelte letztlich nur die Tatsache, daß das Verhalten der Menschen dem Prinzip der Optimierung untersteht.

Mit der Ausweitung der Ziele der ökonomischen Methode wird sich nach Buckley und Casson herausstellen, daß die ökonomische Theorie viel mehr zu leisten in der Lage ist, als ihr "selbsternannte" Methodologen der Sozialwissenschaft zuzugestehen bereit waren. So sei man der Verwirklichung des alten Traumes einer vereinheitlichten Sozialwissenschaft näher, als die meisten glaubten. Dies zu erreichen hänge keineswegs davon ab, bisher unbekannte Grundaxiome neu entdecken zu müssen, sondern vielmehr daran, die beiden Grundprinzipien der konventionellen Ökonomie, eben die Annahme der Rationalität und des Gleichgewichts, auch auf andere Bereiche anzuwenden. Für die zeitgenössische Ökonomie bedeute dies eine Reduzierung der ausschließlichen Betonung der Marktperspektive, an deren Stelle müsse die Einsicht treten, daß auch nicht-marktbedingte Mechanismen wie z.B. die kulturelle Manipulation in ökonomische Begriffe gefaßt werden können. Mit der zu erwartenden Einsicht der Ökonomen, daß in vielen Fällen der Markt keineswegs der beste Koordinationsmechanismus sei, müßten sie auch zugestehen, gleichsam als Nebeneffekt des ökonomischen Imperialismus, daß bei vielen politisch bedeutsamen Aussagen (policy issues) die Nicht-Ökonomen doch letztlich recht gehabt hätten.

Die ausführliche Wiedergabe dessen, was expandieren soll in andere Bereiche, läßt sich damit rechtfertigen, daß hier mit anscheinend guter Begründung und explizit jene Ziele und Mittel einer Vereinheitlichung der Sozialwissenschaft unter der Patronanz der Ökonomie angegeben worden sind, die sich sonst häufig nur in mehr impliziter Art manifestieren. Dieser Imperialismus ist weder neu noch ist er unwidersprochen geblieben, wie sich den Auseinandersetzungen zwischen den jüngeren Institutionalisten und der ökonomischen Orthodoxie in den frühen dreißiger Jahren in Amerika entnehmen läßt. Die Konsequenzen aus dieser Konfliktsituation für die Neufassung eines soziologischen Programmes bei Parsons (vgl. Camic 1992, S. 439) sind keineswegs als unerheblich abzutun.

3. Differenzierung und Entdifferenzierung

3.1 Die Metapher des Imperialismus

Wenn von Imperialismus die Rede ist, so ist damit ein Bestreben der Ausweitung des eigenen Territoriums angesprochen, wie es im Ablauf der Geschichte immer wieder zu beobachten gewesen ist. Römer, Inkas, Araber und Mongolen haben in früherer, Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen und schließlich auch die Deutschen haben in jüngerer Zeit versucht, ihren territorialen Einfluß auszuweiten. Imperialismus ist das Expansionsbestreben einer weiter entwickelten Gesellschaft auf Kosten einer anderen, die als rückständig betrachtet wird, läuft auf die Aneignung fremden Territoriums hinaus. Die Form der Annexion muß keineswegs immer explizit und mit brachialer Gewalt durchgesetzt sein, sondern kann auch mehr impliziter Art sein, wie z.B. der Einfluß der Vereinigten Staaten in weiten Teilen Südamerikas, ja sogar über Freundschaftsverträge umgesetzt werden, wie es der Praxis der ehemaligen Sowjetunion entsprochen hat.

Inwiefern ist die Metapher vom Imperialismus geeignet, Grenzverschiebungen zwischen einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen verständlich zu machen? Widerspricht diese Vorstellung, daß eine akademische Disziplin die Arbeitsfelder anderer Disziplinen zu okkupieren sucht, nicht dem Ideal der Interdisziplinarität, das eine Kooperation unterschiedlicher Perspektiven als wünschenswert und zielführend propagiert? Führt die Aberkennung der Eigenständigkeit alternativer Sichtweisen nicht notwendigerweise zu einer Beschränkung der Diversität wissenschaftlicher Felder mit einer eindeutigen Tendenz zur Monopolbildung einzelner partikulärer Theoriegebäude und der damit verbundenen methodischen Vorgangsweisen?

Zweifel daran, ob die Metapher des Imperialismus dazu geeignet ist, das Verhältnis der Ökonomie zu den anderen Sozialwissenschaften adäquat zu beschreiben, können sich zumindest auf einen etablierten common sense berufen, der Toleranz und Bereitschaft zur Kooperation im Sinne der Interdisziplinarität unterstellt.

3.2 Differenzierung wissenschaftlicher Arbeitsbereiche

Im Bezug auf die hier angeschnittene Diskussion eines Imperialismus der Ökonomie ist zunächst auf zwei Tatsachen hinzuweisen: Erstens einmal das Faktum der historischen Kontingenz der Abgrenzung wissenschaftlicher Arbeitsbereiche, und zweitens die Tatsache, auf die neuerdings Pierre Bourdieu mit Nachdruck hingewiesen hat, daß nicht nur innerhalb dieser Felder, sondern auch zwischen ihnen bestehende Konkurrenzverhältnisse als dynamische Kräfte wirksam sind.

Die historische Kontingenz ist leicht durch den Verweis auf die Wissenschaftsgeschichte zu illustrieren. Für den Fortschritt der Wissenschaften und ihr weiteres Wachstum war es nicht unerheblich, daß als Träger dieses Fortschrittes jeweils andere Erkenntnisarten bzw. Disziplinen eine vorübergehende Vorrangstellung vor anderen beanspruchen konnten. Galt im Mittelalter die Philosophie als 'ancilla theologiae', so hat sich die Magd seit der frühen Neuzeit über ihre ehemalige Herrin erhoben, sich von ihr emanzipiert, bis dann beide mit dem Erfolg der experimentierenden Naturwissenschaften in die Nähe unterschiedlich ausgeprägter Bedeutungslosigkeit gerieten. Wird die wissenschaftliche Relevanz der ersteren, der Theologie, den neu geltenden Wissenschaftskriterien entsprechend, in Abrede gestellt, so überlebt letztere, die Philosophie, zumindest als amputierte, in der Gestalt der Wissenschaftstheorie. Ende des 19. Jhdts. schien es hilfreich zu sein, mit der Unterscheidung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften eine neue Ordnung zum Ausdruck zu bringen, während Ende des 20 Jhdts. die Einsicht an Boden zu gewinnen scheint, die Geisteswissenschaften seien eine Angelegenheit, auf die leicht verzichtet werden könne, weil ihre "Nützlichkeit" schwer nachzuweisen ist.

Mit dem quantitativen Wachstum der Wissenschaften war auch das Ende der Universalgelehrten und Generalisten gekommen. An ihre Stelle traten nun die Spezialisten ihres Faches, die in zunehmendem Maße genug damit zu tun hatten, ihr eigenes Territorium zu überblicken. Die zunehmende Spezialisierung ist als Kehrseite der unumgänglichen Arbeitsteilung zu begreifen, die sich auch im wissenschaftlichen Bereich durchgesetzt hat. Die Entstehung der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Ende des 18. Jhdts. paßt genau in diese Szenerie. Ihr Mutterboden ist dort zu suchen, wo früher schon die Frage nach der gesellschaftlichen Ordnung und ihrer Neugestaltung gestellt worden war: vor allem im Bereich der Philosophie, der Geschichte, der Rechts- und Staatswissenschaften.

Die Differenzierung im Wissenschaftsbereich ist jedoch kein linear ablaufender Prozeß, der zur Markierung klarer Grenzen führt. Zwar gibt es offensichtlich Bereiche, die prima vista buchstäblich nichts miteinander zu tun haben. Daneben aber auch solche, wo die Abgrenzung der Territorien ungenau bleibt und Grenzüberschreitungen unvermeidlich sind. Neuerdings wird auch darauf hingewiesen, daß Fortschritte in einer Disziplin oft dann realisiert werden, wenn bestimmte Elemente aus völlig andersgearteten Disziplinen übernommen werden. Dies deutet darauf hin, neben den Prozessen der Differenzierung stets auch mit der Möglichkeit konvergierender Prozesse zu rechnen ist. H. van der Loo und W. van Rejen (1992, S. 116) bezeichnen dies als das "Paradox der Differenzierung", womit sie an die seit Durkheim bekannte Tatsache erinnern, daß fortschreitende Arbeitsteilung auch neue Formen der Zusammenarbeit entstehen läßt. In den Denkfiguren von der 'Einheit der Wissenschaft' und der 'Interdisziplinarität' wird wohl in Resten dieses Wissen tradiert, daß es letztlich unzulänglich und nicht zielführend ist, sich ausschließlich auf die eigene Fachperspektive zu beschränken.

Die Einsicht, daß übertriebene Arbeitsteilung kontraproduktiv ist, greift heute auch dort um sich, wo es um die Gestaltung der elementaren Arbeitsvorgänge geht. Zerlegung in einzelne Arbeitsschritte, die Elementarisierung der Prozesse mit nachfolgender Re-Kombination des zuvor Getrennten, das Prinzip des Taylorismus, verliert im Produktionsbereich seine über lange Zeit unbestrittene Bedeutung. Die Chiffre des Post-Taylorismus steht für den Versuch, der steigenden Komplexität der Produktionbedingungen durch komplexer strukturierte Qualifikationsprofile der Beschäftigten und neue Strukturen der Kooperation Rechnung zu tragen.

Auch im wissenschaftlichen Bereich gibt es hinlänglich bekannte Fälle, wo einseitige Fachperspektiven an ihre Grenzen stoßen. Beispielsweise stellen sich heute in der Medizin Fragen ethischer Art, die innerhalb der eigenen Fachgrenzen nicht beantwortbar sind. Ähnliches gilt für technische Großprojekte, deren Realisierung daran scheitern kann, daß die damit verbundenen Konsequenzen in anderen Bereichen inakzeptabel sein können. Im Begriff des 'Juristenmonopols' wurde die Tatsache kritisiert, daß Angehörige der iuridischen Zunft aus dem Wissen um eine exakte Abwicklung von Verfahren ungerechtfertigterweise auch schon die Kompetenz ableiten, über inhaltliche Belange dessen, was behandelt wird, befinden zu können.

Beim Streit um Zuständigkeiten können nicht nur rein wissenschaftliche, sondern auch erwerbsbezogene Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Darauf deuten die langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Medizinern bzw. Psychotherapeuten um eine gesetzliche Regelung der jeweiligen Tätigkeitsbereiche hin. Daß eine solche Regelung nur willkürlich verordnet werden kann, ergibt sich daraus, daß der Mensch eben eine psychosomatische Einheit ist, wo Ursächlichkeiten und damit verbundene Zuständigkeiten schwer abschätzbar, wenn nicht überhaupt definitiv unklar bleiben müssen. Dies erinnert daran, daß die jeweiligen fachspezifischen Abgrenzungen auf analytischen Unterscheidungen beruhen, denen in der Realität nur komplexe Wirklichkeiten gegenüberstehen, für welche derartige Unterscheidungen ein äußerliches Moment bleiben müssen. So unerläßlich die Ausdifferenzierung fachspezifischer Perspektiven, die Konstitution unterschiedlicher Formalobjekte ist, so stoßen sie auf Grenzen, führen zu kontraproduktiven Effekten, wenn die Unterscheidungen auch in den materialen Objektbereich übertragen werden.

3.3 Differenzierung in Soziales und Ökonomisches

Genau so wenig wie Körperliches vom Psychischen lassen sich Ökonomisches und Soziales trennscharf auseinanderlegen. Zwar rühmt sich die Nationalökonomie, als älteste der Sozialwissenschaften auch deren Krone zu sein, und überdies jene, welche die exakteste sei, also dem Ideal naturwissenschaftlich fundierter Vorgangsweise am nächsten komme, doch sind neben der Betonung der Differenzen zwischen Ökonomie und Soziologie immer auch Überschneidungen anerkannt worden. Die gegenwärtig registrierbaren Anzeichen für Versuche, die Markierungen der Grenzen zu verschieben, deuten darauf hin, daß sich die Wirtschaftswissenschaften heute nicht mehr damit begnügen, lediglich ihre Exzellenz zu betonen. Offensichtlich geht es um mehr. Es handelt sich wohl um eine Reaktion darauf, daß im praktischen Wirtschaftsleben die enorme Bedeutung des menschlichen Faktors immer klarer hervortritt und in den Begriffen wie Humankapital, human ressources, ihren Niederschlag findet. Die Notwendigkeit, auf diese Situation zu reagieren, ergibt sich daraus, daß eine enge ökonomistische Perspektive der komplexen Entwicklungsdynamik nicht mehr gerecht zu werden vermag. Es ist daher keineswegs unverständlich, daß sich die Wirtschaftswissenschaften seit einiger Zeit um soziale Aspekte des Wirtschaftens bereits vermehrt zu kümmern begonnen haben. Bedeutsam ist jedoch die Form, in der dies geschieht.

Die Form kann eine doppelte sein. Explizit und theoretisch argumentierend einerseits, implizit und praktisch vorgehend andererseits. Ersteres ist mehr der Nationalökonomie zuzuordnen, die ihren Imperialismus auch theoretisch zu fundieren sucht, letzteres der Betriebswirtschaftslehre, die stillschweigend Soziologie zur Sozialtechnologie umdeutet und deren Relevanz unterminiert, wie es sich in den lehrplanmäßigen Veränderungen des Stellenwertes soziologischen Fächer niederschlägt. Für beide Formen der Aneignung des sozialen Sektors ist charakteristisch, daß der soziologischen Perspektive ihre kritische Spitze abgebrochen, also ein wesentliches Element, das sich kurzfristigen Verwertungsinteressen nicht fügt, amputiert wird. Was übrig bleibt, ist eine technologische Sichtweise sozialer Belange. Wo dann konkrete Interventionen möglich und notwendig sind, reduzieren sich diese auf sozialtechnokratische Maßnahmen von außen und von oben. Human ressources und Humankapital sind dann nur noch Ressourcen und Kapital einer neuen Art, vor das Neue wird allerdings ein altbekanntes Vorzeichen gesetzt.

Das Bild vom Imperialismus der Ökonomie bringt also offensichtlich Verschiebungstendenzen der etablierten Grenzen zwischen benachbarten Disziplinen zum Ausdruck, deren Konsequenzen von beträchtlicher Tragweite sein können, sollte es sich dabei um mehr als nur vorübergehende Fluktuationen handeln. Auf der institutionell - organisatorischen Ebene würde damit zweifellos eine Verschiebung von Ressourcen verbunden sein, auf der Ebene der Lehrpläne eine Eliminierung der Soziologie aus dem Curriculum auszubildender Wirtschaftswissenschaftler. Mit einer solchen Negation der Notwendigkeit und Nützlichkeit von perspektivenerweiternder Reflexion sind aber auch beträchtliche Risiken verbunden, weil die Nicht-Thematisierung sozialer Defizite, aber auch gegebener Entwicklungsmöglichkeiten zur Kumulierung von Konfliktpotentialen führt, die letztlich die prekäre Stabilität der politischen Systeme unterminieren wird. Und epistemologisch bedeutet der Imperialismus einer bestimmten singulären Betrachtungsweise, hier eben die der individuellen ökonomischen Rationalität, eine einseitige Entdifferenzierung der Perspektiven, die Preisgabe eines einmal erreichten Niveaus der Bearbeitung vom Komplexität.

Buckley und Casson bringen dies klar zum Ausdruck: Erfolgreiche Modellbildung in den Sozialwissenschaften setzt angstfreie Bereitschaft zur Simplifizierung voraus und eine entsprechende Distanz zur sozialen Realität selbst. Die logische Transparenz des Systems beruht auf der Unterscheidung in Grundannahmen (Axiome), die niemals direkt überprüft werden, und zusätzlichen Randbedingungen, die sehr wohl variabel sind und je nach Bedarf modifiziert werden können. Grundannahmen gibt es lediglich zwei: Das Optimierungsverhalten der Individuen und das Gleichgewicht des daraus resultierenden Systems, das gegensätzliche Kräfte letztlich doch zum versöhnenden Ausgleich bringt. Zweck dieser Unterscheidung in Axiome und Randbedingungen ist nach Buckley und Casson (1993, S. 1037) die Immunisierung der allgemeinen Prinzipien gegen spezielle Kritik. Die Grundannahmen werden also nicht überprüft, keinem Test unterzogen, sondern vorausgesetzt.

3.4 Die Rationalitätsprämisse als Entdifferenzierungspfad

Die erste Grundannahme der Ökonomie, das Optimierungsverhalten der Individuen, präsentiert sich für gewöhnlich in der Unterstellung einer anscheinend unproblematischen Rationalität. Sich rational zu verhalten heißt, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. H. A. Simon (1991) präzisierte das Rationalitätskonzept im Begriff der 'bounded rationality', welcher der Tatsache Rechnung tragen soll, daß die kognitiven Fähigkeiten der Subjekte in anbetracht dessen, daß die Zukunft nie eindeutig planbar ist, begrenzt sein müssen. Verhalten kann dementsprechend nur beschränkt rational sein. Neben dem Maximierungskalkül der (Neo)Klassik und der 'bounded rationality' Simons unterscheidet O. E. Williamson (1981, S. 548) eine 'organic' oder 'process rationality' als weitere Abschwächung der Rationalitätsannahme. Gleichzeitig bringt Williamson auch jene Möglichkeiten der Nutzenmaximierung ins Spiel, die unter Außerachtlassung der üblichen Spielregeln der Fairness auf Arglist, Täuschung und Betrug beruhen. Wer auf diese Art und Weise seine ökonomische Position optimiert, der handelt also nicht rational, sondern opportunistisch oder kriminell. Der Begriff der Rationalität umfaßt demnach egoistische, opportunistische, korrupte oder nicht erkannte kriminelle Verhaltensweisen. Die Kategorie der Rationalität degeneriert somit zur inhaltslosen, aber immer verwendbaren Leerformel.

Nach D. N. McCloskey (1991, S. 85) hat diese Entwicklung mit Samuelsons einflußreicher Harvard - Dissertation über "Die Grundlagen der Wirtschaftsanalyse" (1947) begonnen. McCloskey bezeichnet diese Arbeit als ein Glanzstück des französischen Rationalismus, das jedoch keine ökonomischen Fakten enthält. Seine Adressaten waren daher vor allem die Ökonometriker, eine neue Gilde der Mathematiker im Gewande der englischen Empiristen. Die Samuelson folgenden Ökonomen erlagen dann dem Blendwerk einer vermeintlichen Koppelung von Rationalismus und Empirismus in der Hoffnung, daß auf diesem Wege die Wirtschaftswissenschaft den Rang einer Sozialwissenschaft, die den Gesetzen der Physik unterworfen ist, erreichen könnte. Doch hätten dabei die Ökonomen die intellektuellen Werte des Faches Mathematik übernommen, keineswegs aber jene der Physik, der Elektrotechnik oder der Biochemie. Mit den verschiedenartigen Wertbezügen ist die Tatsache gemeint, daß für die Physik Beweise dann ihre Bedeutung verlieren, wenn sie für die Welt belanglos sind.

Hinsichtlich der zweiten Grundannahme, dem Gleichgewicht, sind Buckley und Casson dazu bereit, dabei gewisse Abstriche hinzunehmen. Sie weisen darauf hin, daß für zahlreiche Ökonomen die Allgemeine Gleichgewichtstheorie das krönende Schlußstück ist, und zwar wegen ihrer Newtonschen Eigenschaft, die gegensätzlichen Kräfte von Angebot und Nachfrage auf harmonische Weise zu verbinden. Doch leide diese Annahme an der Schwäche, wenig dazu sagen zu können, wie ein Gleichgewicht erreicht werde. Die beiden Autoren verweisen darauf, daß Gleichgewichtszustände über Lernprozesse erreicht werden, die jedoch mit Kosten verbunden sind. Dies bedeutet dann gleichzeitig, daß über unterschiedliche, weil unterschiedlich kostspielige Lernprozesse hinsichtlich ihrer Wünschbarkeit rational entschieden werden muß.

Das Gleichgewichtsaxiom orientiert sich am Vorbildcharakter eines mechanistischen Weltbildes, das in den 30er Jahren von Vertretern einer heterodoxen Ökonomie erneut in Frage gestellt worden ist. Sie orientierten sich am Konzept der offenen Systeme, der Einbettung der Wissenschaft in die Umwelt, der Asymmetrie der Zeit und der globalen Irreversibilität ökonomischer Prozesse. K. Boulding hat daher den Begriff des Gleichgewichts und der 'unsichtbaren Hand' bereits damals im Sinne des Begriffes der Selbstorganisation interpretiert und sich dabei explizit auf A. Smith berufen, weil er in ihm den ersten postnewtonschen Denker gesehen hat, der bei seiner langfristigen Betrachtung gerade die nichtgleichgewichtigen kumulativen Aspekte theoretisch herausgestellt habe (vgl. Dopfer 1993, S. 19).2

Wenn vom Imperialismus der Ökonomie die Rede ist, so bezieht sich diese Metapher auf den orthodoxen mainstream der Neoklassik. Diese Position hat in den letzten beiden Jahrzehnten offensichtlich an Bedeutung gewonnen, ungeachtet der gleichzeitig laufenden Diskussionen um Rationalität versus Irrationalität im Rahmen der Kontroversen zwischen den Apologeten der Moderne und den Vertretern der Postmoderne. Die Übertragung des Modells der "rationalen" Handlungswahl ist als Versuch zu betrachten3, den Geltungsbereich dieser artifiziellen und lebensfremden Konzeption noch zu erweitern, deren Überlebenspotential vor allem der Vorliebe für Simplifizierungen und Distanz zur konkreten Realität, unscharf gefaßten Grundbegriffen in einem antiquierten mechanistischen Bezugsrahmen zugeschrieben wird.

In den Kontroversen, die zur Zeit ausgefochten werden, nehmen die bekannten Argumente um das Pro und Contra utilitaristischer Konzeptionen (vgl. Trapp 1986, Srjubar 1992) wieder einen breiten Raum ein. Die Töne der Diskussion selbst scheinen jedoch lauter zu werden und erneut in die Nähe einer Neuauflage früherer Methodenstreite zu weisen, in denen es letztlich ebenfalls um das Selbstverständnis des Faches gegangen ist. Dies soll im Folgenden illustriert werden durch die Wiedergabe einiger kritischer Einwände gegen die Rational - Choice - Theorie (RC), die unlängst M. Miller (1994) geäußert hat. Die Verteidigung der angegriffenen Position durch H. Esser vermag wenig zu überzeugen und scheint nach dem Muster hoher Flexibilität bei gleichzeitiger Unbeirrbarkeit im Wesentlichen gestrickt zu sein, von dem auch schon bei Buckley/Casson (s. oben, S. 2) die Rede war. Doch ist daraus nicht der Schluß zu ziehen, die RC - Theorie könne, was ihre Rezeption betrifft, nur wenig Sympathien für sich mobilisieren. Derartige Gedanken erübrigen sich in anbetracht der großen Zustimmung, die Colemans neues Meisterwerk über die "Grundlagen der Sozialtheorie" nicht nur, aber besonders auch in der Bundesrepublik Deutschland gefunden hat. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß sich künftige Theoriearbeit auf die Auseinandersetzungen um die RC - Theorie beschränken und darin erschöpfen müßte. Denn gerade durch die Negation des diesen Kontroversen zugrundeliegenden Gegensatzes ergeben sich neue Möglichkeiten, wie sich bei einigen Neuansätzen in den französischen Sozialwissenschaften zeigt. Im Hintergrund steht der nun folgenden kurzen Darstellung exemplarischer Kritik an der RC - Theorie, der Kritik dieser Kritik und des Hinweises auf Alternativen jenseits der aufgezeigten Konfliktlinien steht die Frage, welche Programmvorschläge geeignet sind, die flüchtigen Grenzen der Soziologie schärfer zu konturieren statt einer Verflüchtigung der Soziologie Vorschub zu leisten.

4. Reaktionen auf den Imperialismus

4.1 Dezidierte Ablehnung

Seine kritischen Anmerkungen zur Rational - Choice - Theorie rückt M. Miller (1994, S. 5) in die Perspektive einer "Ellbogenmentalität und ihre theoretische Apotheose". Dabei geht es zunächst um die Vorgangsweise Beckers, soziale Phänomene verschiedenster Art durch die ökonomischen Kalküle der beteiligten Akteure für hinlänglich erklärbar zu halten. Die Einwände Millers beziehen sich nicht auf die beschriebenen Phänomene, die Mechanik der banalen und kalten Kalküle, sondern auf den universalistischen Erklärungsanspruch der "neuen ökonomischen Sozialtheorien", der ihre Vertreter zu unkritischen Ideologen eines falsch verstandenen Liberalismus in Wirtschaft und Gesellschaft mache: Alle sind Egoisten, sollen es auch sein, denn dies führt langfristig zum Wohlergehen aller, wie dies alle utilitaristischen Sozialtheorien seit den schottischen Moralphilosophen vertreten hätten. Im Anschluß daran stellt Miller die Frage nach den Erklärungsgrenzen der neuen ökonomischen Sozialtheorie und ihrer Grundlagentheorie, der Theorie der rationalen Wahlhandlungen, und ob dabei nicht Trivialität und platter Empirismus mit soziologischer Aufklärung verwechselt wird.

Das Triviale besteht für Miller offensichtlich in der Annahme, daß jemand jeweils dann rational handelt, wenn er das tut, wovon er glaubt, daß es für ihn am besten ist. Die Frage, was jedoch das Beste ist, entzieht sich der rationalen Beantwortung. Daher beschränke sich das theoretische Interesse auf die konditionalen Imperative, die sich auf die Mittel, nie aber auf die Handlungszwecke selbst beziehen können. Bei Entscheidungssituationen seien daher nur die folgenden drei Aspekte zu beachten: Die Menge von wählbaren Handlungen, die Folgen dieser Handlungen, und schließlich die Präferenzstrukturen der Handelnden, die es erlauben, Rangordnungen der Wünschbarkeit zu erstellen. Diese Annahmen der Standardversion über die Vorgegebenheit der Präferenzen würden nur von wenigen Vetretern der RC-Theorie als nicht selbstverständlich betrachtet, was dann zur Frage der Rationalität der Präferenzen führt, ohne damit schon gleich eine Theorie der Moral entwerfen zu wollen. Im Verweis auf J. Elster unterscheidet Miller dann zwischen der substantiellen Rationalität von Überzeugungen, die sich auf die Relation zwischen Überzeugung und verfügbarer empirischer Evidenz bezieht, und der substantiellen Rationalität von Präferenzen, die den Grad an Autonomie bzw. Selbstbestimmung bei der Entstehung von Präferenzen betrifft. Da Autonomie im Hinblick auf die Entstehungen von Präferenzen bestenfalls als eine Residualkategorie anzusehen sei, fehlt nach Miller "ein wohldefiniertes ('positives') Konzept eines rationalen Handelns. Daran ändere letztlich auch Simons Begriff einer "bounded rationality" nichts. Da die Rationalitätssemantik aus der subjektiven Perspektive des Nutzenmaximierers entwickelt worden sei, bleibe die Bedeutung von Rationalität radikal subjektiv und damit auch höchst trivial: Rationalität ist der Glaube des Akteurs, das zu tun, was für ihn am besten ist.

In einem nächsten Argumentationsschritt stellt Miller (1994, S. 7) dem Entwurf Hobbes einer Verteilung von Rechten und Pflichten die These Mandevilles gegenüber, daß private Laster öffentliche Wohlfahrt bedingen. Doch Mandevilles Konzept sei nicht als Gegenthese zu Hobbes zu betrachten, da es sich nur darauf beziehe, daß private Laster nur für den Aufschwung der Ökonomie zweckdienlich sei, nicht aber, daß daraus eine normative Ordnung entstehe. Die soziologische Aufklärung der utilitaristischen Theorie hat sich nach Miller von Anfang an darauf beschränkt, das Entstehen von Kooperation und einer normativ geregelten Ordnung aus dem eigennützigen Verhalten der einzelnen Individuen herzuleiten. In den Augen Durkheims sei dies jedoch keine soziologische Aufklärung, sondern soziologische Alchemie. Denn aus dem Zusammentreffen rationaler Egoisten entstehe weder moralische Ordnung noch allgemeine Wohlfahrt, sondern kollektive Irrationalität. Ziele, an denen alle Akteure interessiert seien, ließen sich nur suboptimal realisieren, eine Einsicht, an der auch die breite Literatur zum Prisonners - Dilemma nichts geändert habe.

Im Anschluß daran führt Miller ein Beispiel aus dem Jahre 1990 vor, als räuberische Spekulanten aus dem Westen Deutschlands mit Unterstützung der Bürgermeisterin des Dorfes unter Vortäuschung falscher Tatsachen die Einwohner einer ehemaligen kleinen DDR - Gemeinde um ihren neu erworbenen Besitz an Grund und Boden prellten. Aus der Perspektive der Spekulanten und der Bürgermeisterin also durchaus eine rationale Vorgangsweise zum Nachteil der Dorfgemeinschaft. Im Anschluß daran die Frage, ob dies so sein müsse und der Verweis auf die Feststellung von M. Serres, daß es eben keine Handlungssysteme ohne Parasiten gebe. Worüber sich jedoch M. Serres unklar sei, nämlich ob das Parasitentum das Funktionieren des Ganzen beeinträchtige oder umgekehrt sich auswirke und die Dynamik des Systems gar beschleunige, finde in der ökonomischen Sozialtheorie eine optimistische Antwort, die auch durch die Arbeiten Axelrods über "Die Evolution der Kooperation" gestützt werde. Hier sieht Miller das einzig Neue an den RC-Theorien der Gegenwart, daß sie nämlich noch eine spieltheoretische Version ihres Scheiterns liefere. Das Scheitern bestehe dabei darin, daß eine endogene Erklärung der Entstehung von Kooperation nicht gelinge, und utilitaristische Lernprozesse nur bei Machtungleichgewicht der Akteure möglich seien. Bei Machtungleichgewicht hingegen werde soziale Ungleichheit und einseitige Ausbeutung reproduziert. Doch für rationale Egoisten, die am Erhalt und der Ausweitung ihrer Privilegien höchstes Interesse hätten, sei die Instrumentalisierung normativer Kontroversen ein zieführendes Mittel, ihre "rationalen" Manöver zu verschleiern.

Was damit gemeint ist, illustriert Miller an der Kategorie des "praktischen Sinns" bei Bourdieu. Der praktische Sinn bezeichne hier den dem ökonomischen Kalkül inhärenten Zwang, normative Lernprozesse zu blockieren bzw. zu idealisieren. Er folge einerseits der Logik von Nutzen und Kosten, trage dabei der Tatsache der kalkulierenden Momente in jeder Sozialbeziehung Rechnung, gleichzeitig sei er aber aus demselben Nutzenkalkül heraus darauf aus, die zwangsläufige Tendenz, Herrschaftsverhältnisse und soziale Ungleichheit zu etablieren, unsichtbar werden zu lassen. Dieser praktische Sinn sei insofern erfolgreich, wenn er gleichzeitig Anerkennung und Verkennung der objektiven Gegebenheiten impliziere; dies sei jeweils dann der Fall, wenn es gelinge, die "objektive Wahrheit der nackten Interessen in kulturelle Macht umzuwandeln und dann durch Rückverwandlung kultureller Legitimation in ökonomische Macht unkenntlich zu machen. Dies führt dann zum ernüchternden Schluß, daß es nicht nur keine Evolution der Kooperation gibt, sondern bestenfalls eine maskierte Pervertierung von Kooperationsstrukturen" (Miller 1994, S. 12).

Abschließende Überlegungen Millers laufen darauf hinaus, daß sich soziale Handlungen keineswegs hinreichend als Resultat der Nutzenmaximierung beschreiben lassen, denn Präferenzen würden erst dann wirksam, nachdem sie den Filter sozialer Normen passiert haben. Und ebensowenig ließen sich soziale Normen auf Nutzenmaximierung reduzieren, denn die Bedeutung von Optimierung sei immer von einem sozialen oder kulturellen Konsens abhängig, dessen Rationalität sich innerhalb der Rationalitätssemantik des RC- Ansatzes nicht mehr bestimmen lasse.

Dieses Verdikt Millers trifft auch Colemans dreibändige "Grundlagen der Sozialtheorie", die nicht nur unter den Anhängern der RC-Theorie in Deutschland als das seit Parsons "Structure of Social Action" (1937) wahrscheinlich bedeutendste theoretische Werk hochgelobt worden sei. Denn auch Colemans komplexe Theorie sozialer Normen begreife diese letztlich als Resultate von Optimierungsvorgängen, wobei durchaus zugestanden werde, daß Machtungleichgewichte, also der unterschiedliche Zugang zur Verfügung über Handlungsressourcen, eine beträchtliche Rolle spielen. Für die Mächtigen, welche Konsens in ihrem Sinne durchzusetzen vermögen, entsprächen die Normen dann allerdings dem Optimierungspostulat. Bei Coleman also "findet die Ellbogengesellschaft ganz unverblümt ihre theoretische Apotheose" (Miller 1994, S. 14), sodaß eigentlich er den Nobelpreis verdient hätte.

4.2 Kritik der Kritik und Affirmation

Die Replik H. Essers auf die Kritik an der RC-Theorie findet sich, unmittelbar an den Beitrag Millers anschließend, im selben Heft der "Sozialen Welt". Ob die Redaktion der Zeitschrift damit nur die Kritik nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen wollte oder mit der Besorgung einer ad hoc Antwort andere Ziele verfolgte, ist für den Außenstehenden schwer zu eruieren. Vielleicht ist die gleichzeitig publizierte Kritik der Kritik als Indiz dafür zu werten, daß RC-Theorien zur Zeit in einem Ausmaß aktuell geworden sind, das jeden Zeitverlust bei der Intensivierung der Diskussion als Versäumnis erscheinen läßt. Diese Einschätzung wird gestützt durch die Massierung zustimmender Rezensionen in der "Soziologischen Revue" anläßlich des Erscheinens der dritten Bandes von Colemans Sozialtheorie in deutscher Übersetzung.

Die Erwiderung Essers auf Millers 10-seitiges Papier bzw. "Pamphlet" gibt sich auf 16 Seiten alle erdenkliche Mühe, die vorgebrachten Argumente zurückzuweisen und dem Agressor Unkenntnis, mangelndes Verständnis und unzulängliche Lektüre der von ihm kritisierten Arbeiten zu unterstellen. Der Titel "Von der subjektiven Vernunft der Menschen und den Problemen der kritischen Theorie damit" indiziert auch die Position, von der aus verteidigt und neu angegriffen wird: subjektive Vernunft müsse sein, weil die Kritische Theorie, d.h. insbes. Habermas, seit dem legendären Positivismusstreit vor 25 Jahren die Antwort schuldig geblieben sei, wie sich die von ihr gedachte "objektive Rationalität" der Gesellschaft eigentlich begründen lasse4.

Essers Kommentar versteht sich nicht primär als eine Replik auf Miller, sondern auch als eine Erläuterung zu einigen im Ansatz selbst 'seit langem geklärten Einzelheiten', die jedoch nicht verstanden worden seien. Dies gilt auch für viele andere Reaktionen, die "den inzwischen schon etwas längeren Weg der Entwicklung des Rational-choice-Ansatzes in der Soziologie als eine stetige - und jetzt wieder etwas schrillere - Begleitmusik säumen" (Esser 1994, S. 18). Zwei Argumentationslinien scheinen also in ständiger Wiederholung ihrer Beweisführung einander gegenüberzustehen, ohne daß die eine die andere zu überzeugen vermöchte oder auch nur dazu, die Gegenseite besser zu verstehen, behilflich sein könnte.

In den Ausführungen Essers läßt sich folgende Strukturierung erkennen: Zunächst eine Einleitung unter dem Titel "Über Nobelpreise", worin das besondere Verdienst Beckers herausgestellt wird und dann die Angabe jener fünf Punkte, in denen die gravierendsten Fehldeutungen zum Ausdruck kommen und daher nach Richtigstellung rufen. Es sind dies

a) das Problem der "Objektivität" der Rationalität des Handelns

b) die Behauptung, daß der RC-Ansatz nichts zur Erklärung von Präferenzen beitragen könne

c) die Annahmen, wonach der RC-Ansatz zwingend von einer Verbindung des rationalen Handelns und der Entstehung sozialer Wohlfahrt ausgehen müsse

d) die Behauptung, daß die Erklärung der Entstehung von Kooperation immer ein "Machtgleichgewicht" und daher immer schon einen moralischen Rahmen voraussetze

e) und die Erklärung der Entstehung von Normen aus "rationalen" Erwägungen.

Beckers Grundhypothese wird hier als sehr einfach bezeichnet, doch anders als bei Miller dargestellt: Die Menschen stehen allerlei Restriktionen, objektiven Knappheiten gegenüber und suchen daher nach besseren Alternativen. Becker orientiere sich an der Idee eines an den relativen Knappheiten - und insofern problembezogenen und deshalb "vernünftigen" Handelns der Menschen im Alltag. Die Plausibilität derartiger Überlegungen sucht Esser mit einem Verweis auf K. Marx zu demonstrieren: Die materiellen Bedingungen, nicht ein subjektiv "hochmoralisches Bewußtsein oder der fragile Konsens eines sprachlich (!) herbeigeführten Motivs zur Verständigung" (Esser 1994, S. 16) seien es, die die sozialen Prozesse letztlich vorantreiben. Doch nicht diese Affinität zu Marx, sondern die Theorie-Integration mache Beckers Leistung so wichtig: mit einer theoretischen Grundidee sowohl das im engeren Sinne wirtschaftliche wie auch ganz verschiedene Bereiche nicht-wirtschaftlichen Handelns (und dessen kollektive Folgen) zu erklären. Im Anschluß daran legt Esser sein Credo über den wissenschaftlichen Fortschritt dar: dieser

"besteht ja gerade nicht in der Vervielfältigung der 'Paradigmen' und im Hin- und Herwenden aller möglichen Ansichten über ein Thema. Sondern: in dem Finden von theoretischen Erklärungen, die die Buntheiten der Welt als Spezialfälle eines möglichst übergreifenden Modells erkennbar werden lassen. Newton wurde deshalb mit Recht so berühmt, weil mit der Gravitationstheorie die Fallgeschwindigkeit von Gegenständen und die Bahnen der Planeten aus einer Theorie erklärbar wurden. Und Albert Einstein ist fast noch bekannter geworden, weil er zeigte, daß das System von Newton seinerseits ein Spezialfall einer noch allgemeineren Theorie ist. Wissenschaft ist die Erklärung des Komplexen durch das Einfache - und nicht umgekehrt. Und moralische Empörung, daß nicht sein darf, was in den Prämissen des einen oder anderen Ansatzes als unverrückbares Dogma immer schon bereits feststeht, hat in der wissenschaftlichen Beurteilung einer Theorie keinen systematischen Platz" (Esser 1994, 17).

Beim Streit um die RC-Theorien geht es also nicht nur um die mehr oder weniger größere Leistungsfähigkeit eines Paradigmas gegenüber einem anderen. Gegenstand der Auseinandersetzung ist im Kern auch ein Verständnis von Wissenschaft, das die Erklärung des Komplexen durch das Einfache verlangt5, und gegenteilige Positionen des Festhaltens an unverrückbaren Dogmen bezichtigt.

Die Art und Weise, wie Esser die Kritik richtigstellt und durch belehrende Erläuterungen ergänzt, hier ausführlicher darzustellen, erübrigt sich insofern, als nach übereinstimmender Ansicht der beiden hier erwähnten Kontrahenten keinerlei neue Argumente die bereits seit längerem andauernde Diskussion zu beleben vermögen. Dennoch soll hier auf einige offensichtliche Ungereimtheiten auf seiten des Defensors Esser hingewiesen werden, als Illustration dafür, daß sich Komplexes letztlich doch nicht, wie zunächst eingefordert, problemlos durch Reduktion auf Einfaches erklären läßt.

Im Abschnitt über "Objektive Rationalität" konzediert Esser, daß 'in der Tat' grundsätzlich zutrifft, "was Miller über diese Einseitigkeit des Rationalitätsbegriffes sagt: Die RC-Theorie will nur erklären, wovon es abhängt, daß Akteure in einer Situation so und nicht anders handeln"; und einige Sätze weiter heißt es: "Insofern trifft es in der Tat zu, was Miller wohl sagen will: Die RC-Theorie ist keine Moraltheorie, sie ist keine kritische Theorie der Gesellschaft - und sie will es auch nicht sein" (Esser 1994, S. 19). Einmal heißt es, die RC-Theorie will nur erklären, und kurz darauf, "sie ist also eine deskriptive, mithin grundsätzlich fallible Theorie über die empirischen Regeln der Handlungsselektion und über die Prozesse der Aggregation der Effekte des Handelns zu kollektiven - erfreulicher und weniger erfreulicher Art". Dies schließe nicht aus, an die deskriptiven Analysen Reflexionen über das zu knüpfen, was für die Menschen gut ist oder nicht, wie dies Coleman tue.

Hinsichtlich des Einwandes vorfixierter Präferenzen ist es "ohne Zweifel richtig, daß die neoklassische Ökonomie die Präferenzen der Menschen als wohlgeordnet, als fixiert und als extern vorgegeben (und die Erwartungen als sicher) angesehen hat - und damit ein empirisch unzutreffendes model of man angenommen hat" (Esser 1994, 20). In der soziologischen RC-Theorie seien diese Annahmen jedoch nicht enthalten: Denn die Akteure könnten lernen, ihre Umwelt zu bewerten und sogar ihre Situation in einer gewissen Unabhängigkeit von objektiv vorhandenen Restriktionen zu definieren. Im Prinzip bleibe Becker weitgehend noch bei den Annahmen des neoklassischen homo oeconomicus, doch habe gerade er für eine "soziologische" Wendung der Ökonomie und für die Erklärung von Präferenzen einen ganz zentralen Gedanken entwickelt: "Die Menschen haben alle einige wenige, ganz allgemeine Bedürfnisse, von deren Erfüllung sie sozial und physisch abhängig sind und über die sich nicht mehr streiten läßt" (Esser 1994, S. 21). Bedürfnisse werden über Zwischenprodukte erfüllt, die Becker als commodities bezeichnet, wie dies beispielsweise Kinder in vielen Ehen seien. Die Arten der commodities änderten sich mit den relativen Knappheiten, aber auch mit der institutionellen Struktur der Gesellschaft. Präferenzen als institutionell erzeugte ließen sich dann auch als Interessen bezeichnen, die sich mit den materiellen Grundlagen des sozialen Lebens veränderten - "so wie dies Karl Marx auch gesehen hat" (a.a.O.). In Parenthese ist dazu anzumerken, daß Marx wahrscheinlich "die Wahl der Präferenzen, die nach den gleichen Regeln gewählt werden, nach denen dann auf Grund dieser Präferenzen wiederum ein Handeln gewählt wird" (a.a.O.), als das falsche Bewußtsein des falschen Bewußtseins bezeichnet hätte.

Eine Verlängerung der Reihe der partiellen Zugeständnisse an die von Miller vorgebrachte Kritik und der Beispiele von Erklärungen, was RC-Theorie ist und nicht ist - wobei der Bezugsrahmen beliebig gewechselt wird -, scheint wenig zielführend zu sein. Dies umso mehr, als die häufige Verwendung von Ausdrücken wie 'weitergehend', 'vielleicht', 'strikt' egoistische Handeln und egoistisches Handeln im weiteren Sinne, 'nie grundsätzlich', 'wenigstens prinzipiell nicht' u. a. als Hinweise für einen Sprachgebrauch zu deuten sind, der Festlegungen vermeiden und den logischen Spielraum der Aussagen erweitern will. Auf der Höhe des Positivismusstreites hatte E. Topitsch in diesem Zusammenhang von Immunisierungsstrategie gesprochen und als Beispiel dafür, daß derselbe Satz bald sachhaltige Aussage, bald unwiderlegbare Leerformel sein kann, zufälligerweise auf die Auseinandersetzungen um den Utilitarismus verwiesen: "Die Behauptung, daß die Menschen stets aus Eigeninteresse handeln, kann entweder tautologisch formuliert werden und ist dann unwiderleglich, aber leer, oder sie kann als sachliche Aussage auftreten, ist dann aber widerlegbar und im übrigen falsch" (Topitsch 1968, S. 26).

Die Richtigstellungen und ausführlichen Erläuterungen Essers zu Einzelheiten, die er für 'im Ansatz' selbst als längst geklärt hält, bleiben also offensichtlich hinter ihren selbstgesteckten Zielen zurück. Wer nicht schon vor ihrer Lektüre zu den Anhängern der RC-Theorie gehörte, wird durch die vorgetragene Argumentation Essers sicherlich auch nicht davon überzeugt werden können, daß er in diesem Ansatz einer weitreichenden theoretischen Innovation gegenübersteht, die den Sozialwissenschaften völlig neue Horizonte erschließen könnte.

Umso erstaunlicher ist es, daß trotz verschiedener Abstriche im einzelnen in drei gleichzeitig (in der "Soziologischen Revue") veröffentlichten Besprechungen das 'Opus magnum', wie Coleman sein neues Werk nennt, als großes Ereignis gefeiert und damit auch der RC - Theorie ein prominenter Platz zugewiesen wird. Am deutlichsten J. Weiß (1994, S. 285 ): "Colemans Buch ist ein Ereignis und ein großer Glücksfall für die gegenwärtige Soziologie, zumal die deutsche". Grund des überschwänglichen Lobes ist die Einschätzung dieses Werkes als "einen höchst intelligenten und inspirierenden Versuch, die theoretische Erklärungskraft und, in eins damit, den politisch-praktischen Nutzen der Soziologie zu demonstrieren". Damit sollen sich neue Möglichkeiten ergeben, die in den letzten Jahren heruntergewirtschaftete Aufklärungsfunktion der Soziologie zu erfüllen und somit auch den Gebildeten unter ihren Verächtern6 ihre Unverzichtbarkeit vor Augen zu führen.

Nach G. Büschges (1990, S. 273) hat Coleman mit seinen Grundlagen "ein Standardwerk geschaffen, das die Leistungsfähigkeit einer strukturell-individualistisch orientierten, dem Rational-choice-Ansatz verpflichteten Soziologie überzeugend aufweist und zu ihrer Weiterentwicklung eine Fülle von Anregungen und Anknüpfungspunkten bietet. Er hat damit bewiesen, daß die Anwendung allgemeiner Individualtheorien in den Sozialwissenschaften nicht zwangsläufig mit dem Verlust relevanter soziologischer Explananda verknüpft sein muß. Wenn die Grundlagen vertraute soziologische Kategorien oft vermissen lassen, so liegt dies daran, daß die damit angesprochenen Sachverhalte und Probleme auf eine neue, der heutigen geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit eher angemessenen Weise angegangen werden".

Für die Verfasser der dritten Besprechung, J. Friedrichs und J. Kühnel (1994, S. 279), ergibt sich die Einzigartigkeit, aber auch die Komplexität der Sozialtheorie Colemans daraus, daß es sich dabei um die Summe zahlreicher vorangegangener theoretischer und empirischer Arbeiten handelt. "Es ist eines der ganz wenigen Werke in der soziologischen Literatur, in dem eine soziologische Theorie entwickelt wird, diese zudem immer wieder durch empirische Beispiele erläutert oder neu belegt wird - und das zudem einen mathematischen Teil hat, in dem die Überlegungen in formalisierter Form dargestellt werden. Insofern ist es sogar ein einzigartiges Unterfangen". Die Bedeutung der Arbeit läßt sich den beiden Rezensenten zufolge auch an der Vielzahl von Besprechungen und Diskussionen erkennen, die sie seit ihrem Erscheinen im Jahre 1990 ausgelöst haben.

4.3 Alternative theoretische Möglichkeiten

Die bisherige Diskussion deutet darauf hin, daß die RC - Theorie in der Gegenwart offensichtlich an Boden gewinnt. Der Zuwachs an Bedeutung der RC-Theorie kann leicht den Eindruck erwecken, daß es nun, durchaus dem Zeitgeist entsprechend und dem allgegenwärtigen Diktat ökonomischer Betrachtungsweise gehorchend, nur noch die beiden Möglichkeiten gebe, das innovative Potential dieser neuen Theoriekonzeption als neuen Hit vorbehaltlos anzuerkennen oder sich mit einem Festhalten an dazu gegensätzlichen Positionen ins theoretische und damit auch soziale Abseits zu manövrieren. Denn der methodologische Individualismus hat ja auch bisher schon die Geister geschieden, als Ferment der Lagerbildung gewirkt. Denn hinter dem Gegensatz der konfligierenden Ansätze verbergen sich anscheinend unüberwindbare Dichotomien wie individualistisch - kollektivistisch, atomistisch - holistisch, utilitaristisch - normativistisch oder ökonomisch - soziologisch.

Das Theorieprogramm einer pragmatischen Wende in den französischen Sozialwissenschaften (vgl. Wagner 1990, S. 466) hält derartige Gegenüberstellungen für unfruchtbar und sucht sie dadurch zu unterlaufen, daß ihnen der Stellenwert übermäßig formalisierter, realitätsfremder Abstraktionen zugewiesen wird. Doch die Existenz derartiger Konstruktionen wird als Indiz dafür gewertet, daß ihnen in der Realität durchaus ein Moment entspricht, das der Untersuchung wert ist. Sie sind weder positive Realität noch gültige wissenschaftliche Gesetze, sondern eher als 'gemeinsame höhere Prinzipien' für die Begründung sozialen Handelns anzusehen.

Wagner (1990, S. 465) versucht, die Stoßrichtung dieser neue Theoriestömung im Rahmen der französischen Tradition an Hand folgender Schwerpunkte zu verdeutlichen: zunächst durch die Art der Kritik an und der Distanzierung von den konventionellen sozialwissenschaftlichen Theorien, dann über eine Reaktualisierung der Handlungstheorie, und schließlich über eine Reformulierung des Begriffes des Institutionellen, das dem Denken und Handeln der Individuen einen verbindlichen gemeinsamen Rahmen vorgibt.

Bezugspunkte der Distanzierung sind Funktionalismus, Strukturalismus und auch die neoklassische Ökonomie und ihre jeweiligen sozialen Metaphysiken, welche die Zugänge zur Realität eher verschütten als eröffnen. Als Wegbereiter dieser Entwicklung werden P. Bourdieu, A. Touraine, aber auch die institutionalistische Tradition in der französischen Wirtschaftswissenschaft genannt. Also Ablehnung jeder Art von Determinismus, Rationalismus sowie Evolutionismus und Hinwendung zur Analyse konkreter Prozesse wie z. B. den sozialen Auseinandersetzungen um die Bewertung von Vorgängen, der historischen Umbrüche von sozialen Kategorien (z.B. Arbeitslosigkeit) und Konventionen oder Typen von Regeln der Einigung. Die disziplinären Kodifizierungen werden damit relativiert, was Möglichkeiten eröffnet, soziales Handeln in begrifflich offenerer Weise im Hinblick auf Formen der Einigung und Koordination zu untersuchen.

Ausgangspunkt der Reformulierung der Handlungstheorie ist eine Analyse vergangener und gegenwärtiger sozialer Praxis, in deren Mitte nicht die künstlich isolierte Handlung, sondern die Situation als Ganze in ihrer Zeitlichkeit, Offenheit der Interpretation und der Notwendigkeit, sie als eine gemeinsame zu bestimmen, steht. Mit einer solchen Erweiterung von Elementen, die in der Nähe des symbolischen Interaktionismus bzw. der Ethnomethodologie stehen, lassen sich räumlich und zeitlich weit auseinanderliegende soziale Phänomene in die Analyse miteinbeziehen. Soziales Handeln erweist sich dann als eine Form der Verständigung bzw. als eine Situation, die Einigung und Kooperation durch interpretative und transformative Arbeit der beteiligten Akteure erfordert. Mit einer derartigen Fokussierung der empirischen Forschung auf die Variabilität der Einigungserfordernisse von Situationen, auf die interpretative Tätigkeit der Beteiligten und die Pluralität von Ergebnissen läßt sich der Entstehung von Konventionen in einem zeitlich und räumlich weit ausgedehnten Horizont auf eine neue Art nachgehen.

Damit ist auch der Weg offen für eine Dynamisierung des Institutionsbegriffes, in dem Durkheim die kollektiven Denk- und Handlungsweisen zu fassen suchte. Die Erweiterung des bisherigen Verständnisses des Institutionellen als verhaltensdeterminierender Kontext setzt an bei der Unterscheidung zweier unterschiedlicher Typen von Situationen: Einerseits Situationen der Stabilität, gekennzeichnet durch wechselseitige Anpassung und Koordination der Meinungen über die Anerkennung einer gemeinsamen Ordnung im Sinne des herkömmlichen Verständnisses des Institutionellen. Andererseits aber Situationen der Unruhe, gekennzeichnet durch Auseinandersetzungen darüber, worum es letztlich geht, in denen Ungewißheit und kritischer Zweifel die jeweilige Szene dominiert. Im Gegensatz zum herkömmlichen Verständnis von Sozialwissenschaft konzentrieren die neuen Ansätze ihr Interesse auf den zweitgenannten Typus von Situation als den konzeptionell offeneren und daher auch generelleren. Die Wege zu Situationen des erstgenannten Typs führen über die letztlich immer unsichere 'Arbeit der Annäherung' an gemeinsame Übereinkünfte. Der Handlungsbegriff, der einem derartigen Forschungsprogramm zugrundeliegt, sucht daher schon im Ansatz der 'Ungewißheit über die Möglichkeit von Koordination' Rechnung zu tragen.

Nach Wagner (1990, S. 474) ist diese neue Forschungsperspektive aus thematisch vielfältigen und multidisziplinären Zusammenhängen entwickelt worden. Obwohl sie den Intentionen anderer neuer Ansätze bei Bourdieu, Touraine, Giddens, Joas u. a. nahekommt, lassen sich von der Problematisierung der Situativität des Handelns her neue Zugänge zur Wahrnehmung einer Pluralität von Möglichkeiten der Entstehung von Institutionen finden. Ausgehend von Forschungen über Situationen sozialer Auseinandersetzungen und historische Weichenstellungen eröffnen sich somit Chancen für "eine gemeinsame Reformulierung von Grundfragestellungen der Soziologie, Wirtschaftswissenschaft und politischen Philosophie" (Wagner a.a.O.).

Im Zusammenhang mit Kontroversen um die Unverzichtbarkeit bzw. Unvertretbarkeit der RC - Theorie auf andere Ansätze hinzuweisen kann nur insofern sinnvoll sein, als damit klar wird, wie von anderen Grundlagen ausgehend sich andere Perspektiven und Arbeitsmöglichkeiten ergeben. Für die neuen Bestrebungen im Französischen Bereich, aber keineswegs nur für sie, erweisen sich die konventionellen Ansätze der Sozialwissenschaften als unzureichend für eine Auseinandersetzung mit brennenden Gegenwartsproblemen wie Beschäftigungskrise und Arbeitslosigkeit sowie deren Begleitphänomenen. Es ist offensichtlich völlig abwegig, sie nur soziologisch oder nur ökonomisch definieren zu wollen. Gesellschaft und Wirtschaft voneinander trennen zu wollen, muß in die Irre führen, wenn Beschäftigung zur gesellschaftlichen Institution geworden ist und die Homogeniserung der Lebensformen über das Lohnarbeitsverhältnis reguliert wird. Für J. P. Laville (1994, S. 235) führt, durchaus auf der Linie des oben skizzierten neuen Theorieprogrammes, der Verlust der Beschäftigung zu einer Beeinträchtigung der Beziehungs- und Kooperationsfähigkeiten. Der Weg zu gesellschaftlicher Exklusion ist dann nur noch kurz. Laville verlangt daher eine Re-Kontextualisierung der ökonomischen Sphäre sowie eine Re-Aktualisierung der Reflexion über das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft. Dies könnten seines Erachtens die ersten Schritte sein in Richtung einer Sozio-Ökonomie, in der ein Gegensatz Zwischen dem Ökonomischen und dem Sozialen hinfällig ist.

5. Die Ebenen der Diskussion

Abschließend sei darauf hingewiesen, daß die Auseinandersetzungen um die RC - Theorie auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind. Es ist zweifellos von Nutzen diese auseinanderzuhalten, mag auch die Anzahl der Ebenen unvollständig und ihre Anordnung diskutabel sein.

Als unterste Ebene sei hier die handlungstheoretische genannt. ob im Hinblick auf den Gegensatz zwischen Verhalten und Handeln die RC - Theorie in der Nähe der Verhaltenstheorie anzusiedeln ist. Das ist sicher nicht der Fall, wenn es ihr lediglich um eine Ausweitung der beiden Grundannahmen der Ökonomie - individuelle Optimierung und Gleichgewicht - samt verschiedenen Reihen von Zusatzannahmen geht, wie dies Buckley/Casson darstellen. Esser behauptet zwar, daß diese Annahmen in der soziologischen RC - Theorie nicht enthalten seien, gibt aber zu, daß Becker noch weitgehend bei den Annahmen des neoklassischen homo oeconomicus bleibt.

Auf der Ebene des Theorieverständnisses läßt sich am ehesten Klarheit gewinnen. Denn es handelt sich um die bekannte nomologische Konzeption, die sich am klassischen Modell der Naturwissenschaften orientiert und im Verweis auf Newton verlangt, das einzelne als Spezialfall des Allgemeinen zu betrachten. Aufgabe der Theorie ist es daher, Komplexes durch das Einfache zu erklären. Coleman äußert sich an verschiedenen Stellen seines Werkes zu seiner Theoriekonzeption, zwar nicht so eindeutig reduktionistisch wie Esser, von diesem aber wohl nicht substantiell abweichend.

Auf der Ebene der zentralen Begriffe ist ein beträchtlicher Mangel an Klarheit zu konstatieren. Ob im angelsächsischen Sprachraum der Begriff einer rationality zweckdienlich ist, mag hier offen bleiben. Im deutschen ist er es sicher nicht. Kant hatte jedenfalls bereits zwischen Verstand, Vernunft und praktischem Urteilsvermögen unterschieden. Gleichzeitig verwendete er den Begriff Vernunft auch als Oberbegriff für die erwähnten drei kognitiven Teilvermögen und versteht unter Kritik nicht bösartige Diffamierung, sondern vielmehr den Beweis einer gründlichen Denkungsart. Vermutlich weckt der Begriff Akteur, mit dem der englische Begriff eines actor in Ermangelung einer besseren Alternative übersetzt wird, Assoziationen an den Akteursbegriff bei Touraine und Bourdieu, die keineswegs gerechtfertigt sind. Ähnliches gilt wohl auch für den Begriff der Praxis. Von dieser Ebene einer sorglosen Verwendung unscharfer Schlüsselbegriffe ist der Weg nicht weit zur nächsten Ebene.

Mit der Ebene der Metatheorie sind jene Äußerungen gemeint, die über das Selbstverständnis der RC - Theorie Aufschluß geben. Im Gegensatz "zur fast schon verblichenen 'Kritischen' Theorie, die sich gerade jetzt einmal wieder meldet" (Esser 1994, S. 18), sieht sich die RC - Theorie weder als Moraltheorie noch als eine kritische Theorie. Sie beschränkt sich darauf, "die Bedingungen aufzuklären, unter denen die - wie auch immer definierte - umfassende Rationalität auch umgesetzt werden könnte" (Esser 1994, 30). Auch nach Coleman (1994, S. 5) "können Fragen nach Moral und politischer Philosophie, die die fundamentale Spannung zwischen Mensch und Gesellschaft ansprechen, hier nicht gestellt werden". Dessen ungeachtet sieht A. Favell (1993, S. 610) im Projekt Colemans eine Verbindung von rigoroser Sozialtheorie mit moralischen Ambitionen, die sich vorteilhafter Weise von anderen Versuchen, eine Soziologie in normativer Art zu schreiben, abhebe. Die unausgesprochenen moralischen Implikationen dürften denn auch der Anlaß dafür sein, Colemans neue Arbeit als "Soziologische Aufklärung in praktischer Absicht" (Büschges 1994, S. 273) einzuordnen, während P. Bourdieu (1994) die RC - Theorie im Kontext einer Epoche der Restauration angesiedelt sieht.

Mit einer ideologischen Ebene soll der Differenz zwischen deklarierter und implizit wirksamer Zielverfolgung Rechnung getragen werden. Dazu gehört die von Miller angekreidete Verschleierung von Machtungleichheit im Sinne der Stabilisierung gegebener Machtverhältnisse. Wahrscheinlich dient auch die ganze Rationalitätssemantik insgesamt der Verdeckung der Tatsache, daß Vernunft nicht gerade jene Kategorie ist, mit der sich kapitalistische Gesellschaften des ausgehenden 20. Jhdts am adäquatesten beschreiben lassen. Wenn zudem K. Marx bemüht wird, um die Unschuld der RC- Theorie außer Zweifel zu stellen, so kann dies wohl nur als opportunistische Instrumentalisierung von der Sache nach abgelehntem Gedankengut bezeichnet werden.

Schlußbemerkung

Eine Theorie, die das Komplexe auf Einfaches reduziert, also die Vielfalt gesellschaftlicher Phänomene allein von einer durchaus fragwürdigen Rationalität her zu erklären sucht, muß, mag sie auch von Teilen der soziologischen Zunft hoch gelobt werden, nachdenklich stimmen. Denn es bleibt durchaus offen, ob damit eine "soziologische" Wendung der Ökonomie eingeleitet wird, wie Esser (1994, S, 21) angibt, oder nicht viel eher eine "ökonomische" Wendung der Soziologie, womit der angesprochene Imperialismus sein Ziel erreicht hätte. Damit tritt aber das ein, was R. Sennet (1994) gegen Schluß seiner Bemerkungen "Zum Tod der Soziologie" betrüblich stimmt, "daß unser Fach, indem es feiwillig auf die kritische Tradition der Vergangenheit verzichtet, so bewußtlos die Gegenwart widerspiegelt".





















Anmerkungen

S.2

1) Der Nobelpreis für Ökonomie hat mit den Intentionen A. Nobels nichts zu tun, ist also im Grunde kein Nobelpreis, denn es handelt sich dabei um den "Preis der Zentralbank Schwedens für die ökonomische Wissenschaft zum Andenken an Alfred Nobel". Dieser Nobelpreis verdankt seine Existenz nur einer geschickten Umbenennung eines Bankpreises, die deswegen möglich war, weil Auswahlverfahren und Dotierung analog zu den richtigen Nobelpreisen gestaltet worden sind. Unter dem derzeitigen Vorsitzenden des Komitees Assar Lindbeck wird die Auswahl der Kandidaten immer einseitiger, denn die Auszeichnung wird vorzugsweise nur solchen Universitätsprofessoren verliehen, die zu beweisen suchen, daß "die Marktkräfte allein alles ins Lot bringen" (Zank 1993, S. 38)

S. 10

2) Einen völlig konträren Standpunkt vertritt Erikson (1993, S. 259), der darauf hinweist, daß Newtons Theorie an der schottischen Universität zum selbstverständlichen Lehrstoff gehörte, und gerade Adam Smith es war, der sich bemühte, das Theoriemodell der newtonschen Astronomie für die theoretische Erfassung von Geschichte und Gesellschaft nutzbar zu machen

S.11

3) Für eine ausführliche neuere Diskussion der rational-choice-Theorie sei auf das Heft 1993/3 der "acta sociologica" verwiesen, insbesondere auf die Pro-Argumente bei Coleman (1993, S. 169), und die Auflistung von Gegenargumenten bei Elster (1993, S. 179)

S. 15

4) Zur Unangemessenheit einer solchen Forderung sei an Kants die "Kritik der reinen Vernunft" einleitende Feststellung erinnert, daß die menschliche Vernunft "durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann,....die sie aber auch nicht beantworten kann". Wenn dies heute noch gilt, so wird die Kritische Theorie weiterhin nicht alle Bedürfnisse nach einer überzeugenden Definition von objektiver Rationalität erfüllen können.

S. 16

5) Konzeptionen, die das klassische Wissenschaftsverständnis hinter sich lassen, unterscheiden Komplexität und Komplikation (vgl. Günther 1968, S. 336); zur Nicht-Reduzierbarkeit des Komplexen auf Einfaches vgl. z.B. E. Morin (1977, S. 83 ff)

S. 18

6) So auch schon Schleiermacher 1799, jedoch im Hinblick auf die Religion





Literatur

Bourdieu, P., 1993, Wir befinden uns in einer Restaurationsepoche, in: Das Argument 200, S. 533 - 534

Buckley, P J., und Casson, Mark, 1993, Economics as an Imperialist Social Science, in: Human Relations, 46, S. 1035 - 1051

Bude, H., 1988, Auflösung des Sozialen?, Die Verflüssigung des soziologischen "Gegenstandes" im Fortgang der soziologischen Theorie, in: Soziale Welt 39, S. 1 - 17

Büschges, G., 1994, Soziologische Aufklärung in praktischer Absicht, in: Soziologische Revue, 17, S. 273 - 278

Camic, C., 1993, Reputation and Predecessor Selection: Parsons and the Institutionalists, in: American Sociological Revue 57, S. 421 - 445

Coleman, J. S., 1993, The impact of Gary Beckers Work on Sociology, in: acta sociologica 36, S. 169 - 178

Coleman, J. S., 1990, 1992, 1994, Die Grundlagen der Sozialtheorie, 3 Bde, München

Dopfer, K., 1993, Wider den Strom der Neoklassik. Fundamente für die Evolutionsökonomie, in: Neue Zürcher Zeitung v. 3.4., FA Nr. 77, S. 19

Elster, J., 1993, Some Unresolved Problems in the Theory of Rational Behavior, in: acta sociologica 36, S. 169 - 178

Erikson, B., 1993, The first formulation of sociology, in: Archives Européennes de Sociologie 34, S. 251 - 276

Esser, H., 1994, Von der subjektiven Vernunft der Menschen und von den Problemen der kritischen Theorie damit, in: Soziale Welt 45, S. 16 - 31

Favell, A., 1993, James Coleman: Social Theorist and Moral Philosopher?, in: American Journal of Sociology 99, S. 590 - 613

Friedrichs, J., Kühnel, Stefan, 1994, Soziologie für eine Gesellschaft im Wandel, in: Soziologische Revue 17, S. 279 - 284

Günther, G., 1968, Kritische Bemerkungen zur gegenwärtigen Wissenschaftstheorie, in: Soziale Welt 19, S. 328 - 341

Laville, J. L., 1994, Economie et societe: pour un retour a une problematique fondatrice de la sociologie, in: Sociologie du Travail 36, S. 239 - 249

Loo, van der, H., und van Reijen, W., 1992, Modernisierung. Projekt und Paradox, München

McCloskey, D. N., 1991, Die Arroganz der Wirtschaftstheorie. Ökonomische Rechenkünste im Zwielicht, in: Neue Zürcher Zeitung Nr 201 v. 31.8./1.9., S. 85

Miller, M., 1994, Ellbogenmentalität und ihre theoretische Apotheose, in: Soziale Welt 45, S. 5 - 15

Otto, H.-U., 1993, Das Soziale vor dem Zerfall?, in: neue praxis 23, S. 473 - 474

Morin, E., 1977, La Methode. La Nature de la Nature, Paris

Sennet, R., 1994, Das Ende der Soziologie, in: DIE ZEIT Nr. 40

Simon, H. A., 1991, Organization and Markets, in: Journal of Economic Perspectives 5, S. 25 ff

Srjubar, I., 1992, Grenzen des "Rational Choice" - Ansatzes, in: Zeitschrift für Soziologie 21, S. 157 - 165

Trapp, M., 1986, Utilitaristische Konzepte in der Soziologie, in: Zeitschrift für Soziologie 15, S. 324 - 340

Topitsch, E., 1968, Sprachlogische Probleme in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, in: ders., (Hrsg.), Logik der Sozialwissenschaften, S. 17 - 36, Köln - Berlin

Wagner, P., 1990, Die Soziogenese sozialer Institutionen - Theoretische Perspektiven der 'neuen' Sozialwissenschaften in Frankreich, in: Zeitschrift für Soziologie 22, S. 464 - 476

Weiß, J., 1994, Reflexiver Individualismus, in: Soziologische Revue 17, S. 285 - 289

Williamson, O. E., 1981, The Economics of Organization: The Transaction Cost Approach, in: American Journal of Sociology 87, S. 548 - 577

Zank, W., 1993, Wie von unsichtbarer Hand, DIE Zeit Nr. 50, S. 38