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Offfener Brief

Offener Brief
(erste Version)

Wir, Studierende der Volkswirtschaft an den französischen Universitäten und Grands Écoles, wir sind völlig unzufrieden mit dem Unterricht, den wir erhalten. Dies aus folgenden Gründen.

Heraus aus den imaginären Welten !

Der Großteil von uns hat sich für das Studium der Volkswirtschaftlehre entschieden, um sich ein vertieftes Verständnis der wirtschaftlichen Phänomene anzueignen, mit denen der Bürger von heute konfrontiert ist. Die heute vertretene Lehre - d.h. vorwiegend die neo-klassische Theorie oder aus ihr abgeleitete Ansätze - kommt dieser Erwartung im allgemeinen nicht entgegen. Denn wenn sich die Theorie in einem ersten Schritt auch legitimerweise von zeitlich wechselnden Bedingungen distanziert, so macht sie in der Folge nur selten den notwendigen Schritt zurück zu den realen Tatsachen: den empirischen Teil (Geschichte der Tatsachen, Funktionsweise der Institutionen, Verhalten und Strategien der Akteure.....) gibt es fast gar nicht. Darüber hinaus bedeutet diese Trennung der Lehre von den konkreten Realitäten ein Anpassungsproblem für jene, die sich bei wirtschaftlichen und sozialen Akteuren nützlich machen wollen.

Nein zur unkontrollierten Verwendung der Mathematik !

Die Verwendung der Mathematik als Instrument scheint notwendig zu sein. Doch der Rekurs auf die mathematische Formalisierung, sofern sie nicht mehr ein Instrument ist, sondern zum Ziel an sich wird, führt letztlich zu einem schizophrenen Verhältnis zur real gegebenen Welt. Zweifellos erleichtert Formalisierung die Konstruktion von Übungen, das „Spiel" mit Modellen, bei dem es wichtig ist, „das gute Ergebnis" zu finden (was bedeutet, das im Verhältnis zu den Ausgangshypothesen logisch richtige Ergebnis), oder um eine gute Prüfungsarbeit zu schreiben. Dies erleichtert die Benotung und die Selektion, hat den Anschein von Wissenschaftlichkeit, ist jedoch nie eine Antwort auf jene Fragen, die wir uns im Kontext der ökonomischen Debatten der Gegenwart stellen.

Für einen Pluralismus der Ansätze in der Ökonomie !

Nur allzu oft gibt es in den Vorlesungen keinerlei Platz für die Reflexion. Von all den Ansätzen, die es zur Zeit gibt, präsentiert man uns im allgemeinen lediglich einen einzigen, und diesem ist zugedacht, alles nach einer nur rein axiomatischen Vorgangsweise erklären zu können, als ob es sich um DIE ökonomische Wahrheit handeln würde. Wir akzeptieren diesen Dogmatismus nicht. Wir wollen einen Pluralismus der Erklärungen, welcher der Komplexität der Gegenstände entspricht und auch der Unsicherheit, die mit den meisten der großen Fragen der Ökonomie (Arbeitslosigkeit, Ungleichheiten, Stellenwert des Finanzwesens, Vorteile und Nachteile des Freihandels etc.) verbunden ist.

Aufruf an die Lehrenden: wacht auf, bevor es zu spät ist !

Es ist uns sehr wohl bewusst, dass auch unsere Professoren bestimmten Zwängen unterworfen sind. Nichtsdestoweniger bitten wir alle jene um Unterstützung, die Verständnis für unsere Forderungen haben und eine Änderung der Gegebenheiten wünschen. Wenn eine solche sich nicht in Kürze einstellt, so ist das Risiko groß, dass sehr viele Studierende, bei denen es schon Anzeichen von Rückzugsverhalten gibt, einem Studienzweig den Rücken kehren, weil dieser von der Realität und den Auseinandersetzungen der Gegenwart abgekoppelt ist.

WIR WOLLEN NICHT LÄNGER SO TUN, ALS OB WIR DIESE AUTISTISCHE WISSENSCHAFT STUDIERTEN, DIE MAN UNS AUFZUZWINGEN SUCHT.

Wir verlangen nichts Unmögliches, sondern lediglich das, was der Hausverstand jedem einzelnen sagt. Wir hoffen daher, schon binnen kürzester Zeit Gehör zu finden. Dieser offene Brief ist Ende Mai 2000 versandt worden, heute (am 5. Juli 2000) haben ihn bereits mehr als 500 Studierende des zweiten und dritten Studienabschnittes unterzeichnet (ENS Ulm, Cachan et Fontenay, ENSAE, EHESS, Paris X-Nanterre, Paris I, Paris Tolbiac, Versailles Saint-Quentin, Orleans, Grenoble, Rennes, Clermond-Ferrand, Aix-Marseille, Besancon, Hamburg, Florenz, London, Barcelona....)Den Brief unterschreiben



ZWEITE VERSION DES OFFENEN BRIEFES Manifest für eine Reform der Lehre im Bereich Volkswirtschaftslehre

An den Herrn Minister für Wissenschaft und Bildung

sowie an die Repräsentanten der Vereinigung der Ökonomen Frankreichs



„Wenn sie (die ökonomische Standard-Mikrotheorie) falsch ist, warum sich nicht ihrer entledigen? Ich denke, die Lehrbücher sind skandalös. Ich denke, dass es skandalös ist, leicht beeinflussbare jugendliche Mentalitäten diesem scholastischen Training zu unterwerfen, als ob dies für die reale Welt irgendeinen Aussagewert hätte." (Herbert Simon, Nobelpreis Wirtschaftswissenschaften, in: Models of bounded rationality, vol. 3, 1997, p. 397)

Bewegung der Studenten für eine Reform der Lehre im Bereich der Volkswirtschaft

Nun also, ihr Ökonomen, gibts Ärger? Es wäre wohl Zeit zu reagieren! Denn seit unsere Bewegung die Initiative ergriffen und einen Petitionsbrief für eine Reform der Lehre in der Volkswirtschaft ergriffen hat, ist die Debatte fast überall in Frankreich und auch im Ausland eröffnet worden. Die Lehrenden und die Verantwortlichen nehmen uns ernst. Es ist also Zeit, unsere Kritik zu Vorschlägen umzuformen:

Der Brief forderte dazu auf, die „imaginären Welten" zu verlassen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es nötig, eine solide Kenntnis der konkreten Ökonomie zu haben, ihrer Akteure und Umwelt. Die Lehrveranstaltungen müßten also in viel höherem Ausmaß deskriptive Ökonomie enthalten, zu der auch die Geschichte der Tatsachen, das Studium der wichtigsten ökonomischen Institutionen (Staaten, internationale Institutionen, Unternehmen, Gewerkschaften, Haushalte etc.) wie auch der Wirtschaftsgeographie gehören müßten.

Er bedauerte „die missbräuchliche Verwendung der Formalisierung".

Die Frage lautet nicht „für oder gegen die Mathematik": die quantitativen und formellen Techniken sind zweifellos berechtigt, doch in einem Ausmaß, in dem sie Antworten auf genau bestimmte ökonomische Probleme bereitstellt ( z.B. Investitionsentscheidungen der Unternehmen, Auswirkungen sozialer Minima etc.). Mathematische Prozeduren sind keine Garantie der Wissenschaftlichkeit.

Er zeigte sich beunruhigt über den Mangel an Kontextualisierung der Lehre von Theorien Daher müßten die Lehrveranstaltungen die für eine seriöse Reflexion der politischen Umstände und der wirtschaftlichen Ethik erforderlichen Elemente bereitstellen, wobei von grundsätzlichen Fragen auszugehen wäre („wozu dient der Staat?", „was ist eine gerechte Gesellschaft?", etc.). Diese Vorschläge führen dazu, dass die bekannten Blöcke „Mikro 1, 2,....","Makro 1, 2...." verschwinden, mit deren Inhalten sich man sich erst dann auseinandersetzt, wenn sie für die Lösung von wirtschaftlichen Problemen (und bei Lehrveranstaltungen über die Geschichte der Theorien) wirklich nötig sind: Schluß mit den über ganze Semester dauernden Berechnungen des TMS !

Alle Studierenden, Lehrenden und ihre Repräsentanten sind aufgefordert, diese Vorschläge zu unterstützen. Nur so kann man sich bei einer Institution Gehör verschaffen, die nur allzu sehr jeder Veränderungsabsicht Widerstand entgegensetzt.

Bewegung der Studierenden für eine Reform der Lehre im Bereich der Volkswirtschaftslehre 45, rue d'Ulm

75005 PARIS